Bővebb ismertető
EINSTIMMUNG
Die Brücke über die Neretva
Mostar, Ende Juli 1994
Die »Rache Gottes« ist über Mostar hereingebrochen. Dieser Eindruck drängt sich mir auf, während ich das Ruinenfeld auf dem Ostufer der Neretva durchstreife. Die blanke Mordlust, die sich hier austobte, hat zwar aus politischem Kalkül ihr abstoßendes Antlitz vorübergehend verhüllt. Die Angst und deren widerlichste Ausgeburt, der Haß, mögen der Erschöpfung gewichen sein. »Der Tod, der erwartungsvoll zwischen den Linien gestanden hatte, verzog sich mißmutig«, so ähnlich drückte es Ernst Jünger in seinen Stahlgewittern aus.
Aber vorher hatte »Freund Hein« reiche Ernte eingebracht, und seit den Grabenkämpfen in Flandern hat der Horror zusätzliche Dimensionen gewonnen. Ich wandere planlos durch die zerstörten Gassen. Plötzlich kommt mir der Gedanke an die der Auslöschung geweihten Ghettos im polnischen Generalgouvernement des Zweiten Weltkrieges. Die Überlebenden von Ost-Mostar schleppen sich mit leerem Blick durch die Trümmer. Die »ethnische Säuberung«, die Zwangsvertreibung oder physische Beseitigung von fünfzigtausend Muslimen, ist den militärisch weit überlegenen Kroaten in elf Monaten Belagerung nicht gelungen. Die koranische Gemeinde hat mit dem Mut der Verzweiflung widerstanden. Aber die Altstadt von Mostar, dieses Kleinod und Symbol türkisch-mohammedanischer Balkan-Präsenz, wurde von den Granaten Stück um Stück zerfetzt. Auch die geschwungene Brücke über die Neretva, die »Stari Most«,