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Mumienportrats
Bilder aus dem Wüstensand
Wilfried Seipel
Mumienportráteinerjungen Dame
Ágypten. 1. Hálfte 2. Jh. n. Chr., Eitempera auf Holz, 34 x 14 cm verkauft um 6 214.000
Der altágyptische Totenkult
Wie kaum eine andere Kultur scheint die altágyptische ganz besonders der Suche nach dem ewigen Leben, nach Unsterb-lichkeit und der Uberwindung des To-des verpflichtet gewesen zu sein. Bedingt durch die besonderen klimatischen und geographischen Gegebenheiten sind uns aus dem Land der Pharaonen vor allém jene religiös bestimmten Kunst- und Kul-turelemente überliefert, die von der tiefen Uberzeugung der Ágypter künden, dass dieses endliche Leben in ein ewig wáh-rendes Jenseits überführt werden könne. Dabei spielt der Mythos vom Tod und der Auferstehung des Gottes Osiris eine wichtige Rolle. Osiris stellte als Herrscher der Unterwelt, aber auch der jáhrlich sich erneuernden Natúr und Fruchtbarkeit eine Zentralgestalt der ágyptischen Göt-terwelt dar. Das „Werden zu Osiris" galt als letztes Ziel nicht nur der Pharaonen, sondern auch des einfachen Ágypters, um auf diese Weise am ewigen Leben des Gottes teilhaben zu können. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn vor allém der phy-sischen Unzerstörbarkeit des Leichnams eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde, wollte man doch im Jenseits über dieselben körperlichen Fáhigkeiten verfügen wie im Diesseits. Die dazu notwendige Mumifizierung wird ein-gehend im 2. Buch der Historien des griechischen Schrift-stellers und Reisenden Herodot geschildert, der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Ágypten bereist hat und über Sitten und Gebráuche im Land am Nil ausführlich berichtet.
Er unterscheidet drei nach Kosten gestaffelte Einbalsamie-rungsarten, von denen sich die kostenintensivste über einen Zeitraum von 70 Tagén erstreckte. Nach der Entfernung der Eingeweide und des Gehirns wurde der Körper über 70 Tage in einer Natronlauge dehydriert, um dann nochmals gereinigt und schliefilich mit Mumienbinden umwickelt zu werden. Auch wenn es hier zu weit führen würde, die ein-zelnen Schritte des Mumifizierungsprozesses detailliert zu beschreiben - und die heutige Mumienforschung konnte in einigen Fállen Herodots Angaben korrigieren -, so sei hier
seine abschliefiende Feststellung zitiert: „Dann holen die Angehörigen die Leiche ab, machen einen hölzernen Sarg in Men-schengestalt und legen die Leiche hinein. So eingeschlossen wird sie in der Famili-engrabkammer geborgen und aufrecht gégén die Wand gestellt."
Es besteht kein Zweifel, dass die sich über f mehr als drei Jahrtausende erstrecken-de ágyptische Kultur ihren Totenkult als ein gelebtes und wohl auch weit verbrei-tetes Glaubensgut bewahrt hat; ungeach-tet auch der zahlreichen Eroberungen und Fremdherrschaften, die dieses Volk im letzten Jahrtausend seiner Geschich-te über sich ergehen lassen musste, sei es durch die Libyer, die Kuschiten, die Assy-rer, die Perser, die Makedonen oder letzt-endlich die Römer. Der Bericht Herodots, aber auch die zahlreichen Schilderungen griechischer und römischer Schriftsteller spáterer Zeit zeugen eindrucksvoll von der Kontinuitát dieser Glaubensvorstel-lung, allén Einflüssen neuer religiöser Strömungen vor allém in der hellenistischen und römischen Zeit zum Trotz.
Die Totenmaske: Ideál und Portrát
Gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. kam es jedoch ver-stárkt zu régiónál unterschiedlichen Ausgestaltungen der Begrábniszeremonien und der Grabausstattung. Zu den háufigsten Beispielen der Begrábnissitte in der ptolemái-schen, alsó der griechischen Zeit der letzten drei vorchrist-lichen Jahrhunderte záhlen die aus Kartonage, gepresster Leinwand, aus Stuck oder auch aus Holz oder Ton gefer-tigten Mumienhüllen, die den ganzen Körper umgaben. Der Kopf der Mumie wurde dabei von einer separat über-gestülpten rundplastischen Maske bedeckt, die bemalt und - als Zeichen der Wiedergeburt des Toten - oftmals auch vergoldet war. Die vielfach eindrucksvollen und detaillier-ten Gesichtszüge der stuckierten Mumienmasken erheben freilich keinen Anspruch auf eine individuelle, alsó port-rathafte Wiedergabe des Toten, sondern zeigen ihn in einer von Alterszügen freien, für das jenseitige Leben bestimmten idealisierten Weise.
im Kinsky 2014 7