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ALTE UND NEUE ELITEN IN UNGARN IN DERZWISCHENKRIEGSZEITZur Bestimmung der Eliten werden in der historischen und soziologischen Literaturverschiedene Definitionen und Zugänge verwendet.1 Wir dürfen die Existenzbe-rechtigung unterschiedlicher Auffassungen auch nicht in Frage stellen, denn diemenschliche Gesellschaft ist ein zu kompliziertes Phänomen, um sie mittels einermonokausalen Darstellung zu beschreiben und zu analysieren. Ich für meinen Teilmöchte mich auf alle Fälle darum bemühen, über die formalen statistischen Me-thoden hinauszugehen, mich also nicht damit zufriedengeben, die Zusammenset-zung der Elite eines Landes anhand von vorgegebenen Indikatoren zu schildern. Dieindividuelle Herkunft, die soziale oder materielle Situation eines Ministers, Abge-ordneten oder Generals charakterisieren nämlich noch nicht unbedingt, welcheMachtfaktoren, Interessengruppen, Parteien oder gesellschaftliche Klassen er re-präsentiert, welche Kräfte sich hinter ihm verbergen und in wessen Diensten er steht.Betrachten wir ein konkretes Beispiel aus der von mir untersuchten ungari-schen Gesellschaft. Im 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun-derts deckte ,,Aristokratie" fast gänzlich den Begriff der herrschenden Klasse"oder ,,herrschenden Elite" ab. In diesem Zeitalter gibt es auch keine so große Ab-weichung zwischen diesen beiden Begriffen, wie es später der Fall war. Die habs-burgtreue Großgrundbesitzer-Aristokratie war im Besitz des Großteils der führen-den Ämter, ja sogar des Großteils der führenden Positionen im Militär. Aus Aris-tokraten wurden Generale oder aus Generälen Aristokraten, insbesondere zur Zeitvon Maria Theresia, aber auch später noch.2 Die Großgrundbesitzer-Aristokratiehatte enge Beziehungen zum hohen katholischen Klerus. Zwar gab es damals be-reits vermögende Bürger und reiche Städte, diese spielten innerhalb der politischenFührungselite aber kaum eine Rolle. Das System der politischen Repräsentationentsprach der Adelshierarchie.Nach der Revolution von 1848 und insbesondere nach dem Ausgleich desJahres 1867 veränderte sich diese Konstellation allerdings grundlegend. Es ent-stand ein nationales liberales System in Ungarn, das sich den westeuropäischenVerhältnissen der Zeit annäherte und über ein den Erfordernissen der Zeit ent-sprechendes Wahlrecht verfügte. Darüber hinaus rückte die habsburgtreue Aris-tokratie und militärische Elite, auch wenn sie den Großteil ihres Vermögens undihrer Macht behielt, zumindest für eine Generation in den Hintergrund des poli-tischen und gesellschaftlichen Lebens. In den Vordergrund gelangten nun Per-sonen, die hinsichtlich ihrer Abstammung und formellen Stellung anders waren,