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VORWORT
Auffrichtige Anleitung, Wormit denen Liebhabern des Clavires, besonders aber denen Lehrbegierigen, eine deutliche Art gezeiget wird, nicht alleine (1) mit 2 Stimmen reine spielen zu lernen, sondern auch bey weiteren progressen auch (2) mit dreyen obligaten Partien richtig und wohl zu verfahren, anbey auch zugleich gute inventiones nicht alleine zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen, am allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu erlangen, und darneben einen stardten Vorsdimack von der Composition zu überkommen.
Verfertiget von
Joh: Seb: Bach.
Hodif. Anhalt-Cöthe-Anno Christi 1723 nischen Capellmeister
Diese Anleitung zeigt, was Bach heranzubilden für wesentlich hielt, wenn er junge Musiker in die Lehre nahm. Badis erste Sdiüler waren seine eigenen Söhne. Für den ältesten, den zehnjährigen Wilhelm Friedemann, legte er 1720 ein „Klavierbüchlein" an, in welches er, neben einer Einführung in die musikalischen Grundbegriffe wie Claves signatae, Manierentabelle und Applicatio (Fingersätze), kleine Musikstücke eigener und einige fremder Herkunft eintrug. Es enthält aber zu gleichen Teilen auch Eintragungen Wilhelm Friedemanns: Abschriften von Stücken des Vaters (so einige der Inventionen) und erste eigene Kompositionsversuche. Bach hat in den Text der Inventionen und Sinfonien immer wieder korrigierend eingegriffen, und gerade der unverkennbar didaktische Zweck des Klavierbüchleins mag eine Reinschrift notwendig gemacht haben, welche dann drei Jahre später erfolgt ist.
Die neue Ausgabe eines derart verbreiteten Werkes bedarf einer Begründung, und diese kann nicht im Notentext allein beschlossen liegen. Die für die Erstellung des authentischen Textes bedeutsamen Quellen und deren Bewertung sind längst Gegenstand intensiver kontinuierlicher Forschung, deren Ergebnis auch dem interessierten Laien zugänglich ist; die Herausgeber verweisen aus der Fülle der Publikationen auf die von Ludwig Landshoff (1933) und auf die Forschungsergebnisse neueren Datums: auf die 1962 von Wolfgang Plath besorgte Ausgabe des „Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Badi" (Neue Bach-Ausgabe, Serie V, Band 5), weldie wissensdiaftliche Genauigkeit mit musikalischer Sadikenntnis aufs glücklichste kombiniert und auf die 1970 von Georg von Dadelsen edierten „Inventionen und Sinfonien" (Neue Bach-Ausgabe, Serie V, Band 3), deren Kritischer Bericht zur Zeit
der Vorbereitung unserer Ausgabe allerdings noch nicht vorliegt. Mit diesen beiden Quellenausgaben sind die beiden von Bach geschriebenen Vorlagen des Werkes wissensdiaftlich ersdilossen, so daß unsere Ausgabe darauf verzichtet, sämtlidie Quellen erneut zu zitieren und zu bewerten und sich lieber eines bisher vernachlässigten Aspektes annimmt, den Bach last, not least, in seiner „Anleitung" erwähnt: „einen starcken Vorsdimack von der Composition zu überkommen."
In „Eigenart und Bestimmung des Klavierbüdi-leins"') bemerkt Wolfgang Plath, daß die herkömmliche Anschauung, darin „so etwas wie einen Klavierlehrgang J. S. Bachs" zu sehen, nidit zutrifft. „Hierzu genügt vielleicht die Bemerkung, daß der Lehre Badis ein beziehungsloser, lediglich auf Vermittlung technischer Fertigkeit bedachter Klavierunterricht durdiaus fremd ist Die ersten, kat'exochen didaktischen Einträge mag J. S. Bach sozusagen ,pro memoria' vorgenommen haben, auch wohl zur Illustration der trockenen Manierentabelle. Spätestens aber an der Stelle, wo nach der Vorzeichnung des Vaters die unsichere Schreiberhand Wilhelm Friedemanns einsetzt, wird die eigentlidie Bestimmung des Büdileins offenbar: die Allemande Nr. 6 ist. eine Kompositionsübung. Ohne Zweifel ist auch der weitere Verlauf der Niederschriften als Fortgang des kompositorischen Propädeutikums zu verstehen. Die von der Hand J. S. Bachs eingeschriebenen Stücke sind primär Kompositionsmodelle, wenngleich sie nebenher auch wohl als Spielstücke gedient haben mögen. Wenn Wilhelm Friedemann kopiert, so gewiß nicht nur, um sich in der Kunst des Notenschreibens zu üben, sondern um im Nachvollzug der Niedersdirift zugleich auch die kompositorischen Prinzipien der väterlichen Modellkomposition zu begreifen."
Die „Invention" ist, wie der Name sagt, ein Beispiel für die Kunst der musikalisdien Erfindung und kein bestimmter Formtypus. Wir haben es hier mit dem einzigen Lehrbuch der Komposition zu tun, das wir von einem Meister besitzen. Erwin Ratz, der Mitherausgeber, bemerkt hierzu: „Wohl gibt es Lehrbücher des Generalbasses, des Kontrapunkts, der Fugentedinik, die von Meistern stammen (Ph. Em. Bach, J. J. Fux, Marpurg etc.), aber das, was wir als Kompositionstechnik im höheren Sinne verstehen und was ja erst an das eigentlidie Künstlerische und Kunstvolle heranführt, das wurde von den Meistern nur an Hand der Werke gelehrt und
') NBA, V/5, Kritischer Beridit, Bärenreiter, Kassel etc., 1963, S. 70 f.