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Irland in Vergangenheit und Gegenwart
¦ Jahrundertelang lag Irland am Rande Europas im Nebel der Vergessenheit. Aus dem Licht der Geschichte, der Zeit seiner Größe, da irische Mönche Wissen und Weisheit in die Welt trugen, war es — durch die demütigende Unterwerfung unter das Joch Englands buchstäblich vor den Augen der Welt verborgen gehalten — in den Schatten getaucht.
Das Interesse an Irland wurde neu erweckt durch eine Dichtung, in der gälische Helden und Legenden wiederauflebten und durch die Berichte über den erbitterten Kampf der Iren um ihre Freiheit.
Heute suchen viele Touristen in Irland die Spuren der Vergangenheit, während im Land selbst alle Bestrebungen dahingehen, sich von eben dieser Vergangenheit zu lösen und den Anschluß an unser Zeitalter zu finden.
Die Geschichte Irlands läßt sich mit der Aschenbrödels vergleichen : die böse Stiefmutter England hatte es verstoßen, barfuß in Lumpen gehüllt, vor seinem Torffeuer kauernd. Doch hatte dies weder seine strahlende Schönheit und Frische noch den zugleich sanften wie wilden Liebreiz zu trüben vermocht.
»Von Schönheit allein kann man nicht leben«, sagt man. So hat Irland mit seinen großartigen Landschaften der Seen und Felsen, stolzen Klippen und verschwiegenen Täler, in denen gleich Kleinodien Klöster und Schlösser gebettet liegen, oftmals bitteren Hunger gekannt. Heute, da es Besucher zu Tausenden an seinen Flug- und Fährhäfen empfängt, Touristen, begierig nach reiner Luft, klarem Wasser, dem Duft frischen Grases oder dem Geschmack salziger Meeresbrise, nach Sport, einfachem Leben oder vieltausendjährigen Steinen, heute endlich zahlt sich mit Zinsen für Irland sein reiches Erbe aus.
Um Irland kennen, verstehen, lieben zu lernen, darf man sich nicht verzetteln. Jede der sechsundzwanzig Grafschaften stellt ein verschiedenartiges, wenn auch aus den gleichen Blumen komponiertes Bukett dar. Überall finden sich Schloß- oder Klosterruinen, Wald und Heide, Fuchsien und Stechginster, Bauernhöfe und Pubs, Angel-und Golfplätze, bukolische Landschaften, lebendige Volkskunst, um randvoll ein kulturelles Wochenende oder einen Aktivurlaub anzufüllen. Daher von Anfang an ein guter Ratschlag : man wähle, seinen Neigungen entspre-
chend, einen Standort an der Küste oder in einem Tal und unternehme von dort aus Sternfahrten auf den bezaubernden, gewundenen Straßen, die oftmals hinter ihren blühenden Windhecken köstliche Entdeckungen verbergen. So hebt sich im Nebeldunst die bienenkorbartige Klause, in der ein Eremit den Honig seiner Andacht sammelte, kaum vom verwitterten Felsgestein ab. Auf den Küstenstraßen muß man schon die Lücke im dichten Grün erspähen, die einen Ausblick auf die Klippen gewährt. Ein einsam gelegener Bauernhof birgt vielleicht Schätze an Patchwork, das Torfmoor im trübbraunen Büßergewand hütet eifersüchtig, halbversteckt, seine mit geheimnisvollen Runen gravierten Steine, und inmitten von Heideland tanzen Feen am Rande eines Sees, den die Sonne aufsaugt und der Regen stets aufs Neue anfüllt.
Wer alles in Irland sehen will, darf es nicht eilig haben. Doch ist Zeit nicht dazu da, in Muße ausgekostet, anstatt in Hetze vergeudet zu werden ? Wie die Iren sagen : »Als Gott die Zeit erschuf, hat er genug davon gemacht«.
Grünes Vorland Europas
Jeder Irlandreisende kommt mit einem bestimmten Bild, einer vorgefaßten Meinung an. Irland wird ihn nie enttäuschen, gewiß jedoch überraschen. Immer wieder sind die erhabene Einsamkeit von Connemara oder der Aran-Inseln gerühmt worden, die verbrüdernde Atmosphäre der Pubs, wo man gemeinsam im Chor singt, pints trinkt und Tränen der Rührung vergießt, die Würde eines armen Volkes, sein tiefverwurzelter Glauben, seine unumstößlichen Traditionen. Keine Schablonen, gewiß, aber
Irland hat seit dem letzten Weltkrieg einen größeren Wandel durchgemacht als in Jahrhunderten aufgezwungener, niemals hingenommener Fremdherrschaft. Die Papstbulle Hadrians IV., die im 12. Jahrhundert die Eroberung der Insel durch die Anglo-Normannen unter Henry Plantagenet besiegelte, war möglicherweise eine Fälschung. Jedenfalls hat sie niemals ein ansonsten streng romhöriges Volk überzeugen können. Diese de-facto, wenn nicht de-jure Situation hat fast achthundert Jahre angedauert. Irland — eines der wenigen Länder Europas, das