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AUS DEM »NOVELLINO«
Der Gnadenruf
Am Hofe von Puy-Notre-Dame in der Provence wurde ein Fest angeordnet, weil der Sohn des Grafen Raimond zum Ritter geschlagen werden sollte. Da kamen ihm zuliebe so viele dahin, daß an Silber und Gewändern Mangel ward und der junge Graf die Ritter seines Landes entblößen mußte, um die fremden Hofleute auszustatten, womit nicht alle sich zufrieden zeigten.
Eines Tages ward das Fest ausgerufen und ein einjähriger Sperber auf eine Stange gesetzt. Wer sich nun an Mut und Habe reich genug wußte und den erwähnten Sperber auf seine Faust nahm, der war verbunden, den Hof jenes ganze Jahr lang zu unterhalten. Die Ritter und Edelknappen, die fröhlich und wohlgemut waren, dichteten schöne Kanzonen, sowohl die Weise wie die Worte, und vier Merker waren bestellt, welche die gelungenen in Ansatz brachten und die übrigen den Dichtern zur Verbesserung empfahlen. So verbrachten sie die Zeit und sprachen viel zum Ruhm ihres Herrn und priesen seine Söhne als ritterlich und wohlgezogen.
Nun geschah es, daß einer dieser Ritter, den wir Messer Alamanno nennen wollen, ein Mann von großer Tapferkeit und Trefflichkeit, eine sehr schöne Edelfrau der Provence liebte, Dame Grigia, und zwar so geheim, daß ihn niemand bewegen konnte, sie kundzugeben. Die Edelknappen von Puy aber verbanden sich, ihn irrezuführen und zum Prahlen zu verleiten; sie sagten zu gewissen Rittern und Baronen: »Wir bitten euch, es beim nächsten Turnier so einzurichten, daß ein jeder großspreche.« Sie dachten nämlich: Der Ritter ist ein trefflicher Kämpfer und wird sich jenes Tages im Turniere hervortun und vor Freude in Hitze geraten; die Ritter werden sich alsdann rühmen, und dann wird auch er sich nicht enthalten können, mit seiner Dame zu prahlen. So leiteten sie es ein, und als der Tag des Turniers kam, gewann der Ritter den Preis der Waffen und geriet vor Freuden außer sich. Als man des Abends sich ausruhte, fingen die Ritter zu prahlen an: der eine mit schönen Damen, ein anderer mit schönem Waffenspiel, ein dritter mit schönem Schloß, dieser mit schönem Habicht, jener mit schönem Abenteuer. Da konnte der Ritter sich nicht enthalten, mit seiner schönen Dame zu prahlen.
Als er nun heimging, um sich wie gewöhnlich mit ihr zu erfreuen, verabschiedete ihn die Edelfrau. Der Ritter geriet vor Schrecken
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