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Zur Ausstellung in Wien: Tintoretto
und der Weißbärtige Mann im "Bordone-Saal"
Sylvia Ferino-Pagden
Bildnis eines alten Mannes mit Pelz. Detail. Wien Kuiisthistorischcs Museum, Gemäldegalerie (Kat. Nr. 31)
Jacopo Tintoretto, der eigenwilligste, produktivste und in gewisser Weise "modernste" der drei großen venezianischen Malergenies des 16. Jahrhunderts und dabei der einzige in der Lagunenstadt selbst geborene, starb 1594 in dieser Stadt. Zum Anlaß der 400. Wiederkehr seines Todesjahres wird er heuer in Venedig durch verschiedene Veranstaltungen geehrt. Daß eine solche Ehrung auch in Wien stattfindet - und noch dazu durch die Übernahme der gemeinsam mit Venedig geplanten Ausstellung einer Auswahl seiner Portraits, also einem Genre, mit dem er nicht wirklich berühmt wurde - soll im folgenden erläutert werden. Heute ist Tintoretto vor allem durch seine monumentalen Dekorationszyklen narrativen Inhalts berühmt, die immer noch in situ in Palästen und Kirchen und - als besonders unvergeßliches Erlebnis - in der Scuola Grande di San Rocco in Venedig zu bewundern sind'. Seine Kompositionen, besonders solche religiösen Inhalts, sind stets Inszenierungen, in denen seine visionäre Kraft noch heute den Betrachter zu erschüttern vermag. Die in komplizierten Bewegungen und extremen Verkürzungen erscheinenden Figuren zeichnet eine innere Monumentalität und fast ein Anflug von terribiltä aus, beides Anleihen von seinem großen Vorbild Michelangelo. Obwohl Tintorettos Biograph des 17. Jahrhunderts Carlo Ridolfi berichtete, daß Tizian den jungen Schüler aus Eifersucht aus seiner Werkstätte verjagt hätte, blieb auch Tizian stets sein großer Lehrer, vor allem was die Licht- und Farbgebung anbelangt. Nach Ridolfi habe Tintoretto diese angestrebte Synthese aus Florentiner disegno und venezianischer Farbgebung als Grundsätze seines künstlerischen Schaffens an die Wände seiner Werkstätte geschrieben: "die Zeichnung von Michelangelo, das Kolorit von Tizian"\ Um Tintorettos Genie adäquat erfassen und seinen gigantischen künstlerischen Anspruch nachvollziehen zu können, muß man die in mo-
numentalsten Ausmaßen gemalten dramatischen Visionen des Jüngsten Gerichtes, des Letzten Abendmahls und der Heiligenwunder an ihrem originalen Ort im ursprünglichen Kontext sehen. Nur allzu verständlich werden uns die Lobeshymnen der überraschten Venedig- Reisenden der vergangenen Jahrhunderte, die den Maler in seiner Heimatstadt überhaupt erst entdeckten. So schrieb C. N. Cochin: "One can really only get to know him in Venice, what one sees of his elsewhere only seems to give an idea of his weakness". Dem Künstler ist es wahrhaftig gelungen, die Stadt Venedig durch seine gigantischen Bilderzyklen bis heute zu prägen. "Gebäude privater wie öffentlicher Art, ja fast die Straßen Venedigs selbst strotzen von seinen Kompositionen" berichtete der Reiseschriftsteller P.J. Grosley im 18. Jahrhundert\ Allein schon die Monumentalität seiner Gemälde, die jede Veränderung, jeden Transport und damit auch glücklicherweise jede Veräußerung schwierig machte, war die Basis für seinen Anspruch auf Dauerhaftigkeit des von ihm Geschaffenen. Auch darin berühren sich seine künstlerischen Ziele mit denen Michelangelos. Obwohl er dennoch eine beträchtliche Anzahl von Werken kleineren Formates ausführte, von denen einige noch zu seinen Lebzeiten von ausländischen Sammlern begehrt wurden und die heute viele Museen Europas und Amerikas schmücken, geben diese Bilder doch nur ein unvollständiges Bild von seiner schier unglaublichen malerischen Produktion. Damit wird klar, daß man Tintoretto heute nicht durch eine monographische Ausstellung seiner in einem Gebäude zusammengetragenen Werke ehren kann.
Als man 1937 im Anschluß an eine große Tizian gewidmete Ausstellung in Venedig auch Tintoretto durch 71 Werke präsentierte, wobei über vierzig religiöse, zum Großteil aus den Kirchen Venedigs entfernte Gemälde zu sehen waren, wurde trotz der einmaligen Möglichkeit, diese