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Japan — Land der Widersprüche
Vor fünfzig Jahren schenkte der Berliner Verleger Paul Cassirer seinem Autor Bernhard Kellermann eine Reise —als Bonus für Bestsellererfolge. Eine Reise, wohin er immer wolle. Kellermann wollte nach Japan, das war schon immer sein Traum. Länger konnte eine Reise kaum dauern: durch ganz Sibirien mit der Eisenbahn und dann aufs Schiff. Seine Ankunft in Japan beschreibt er so;
«Am dritten Tage nach unserer Abfahrt von Wladiwostok kam Japan, das Land der sonderbaren und unglaublichen Dinge, in Sicht. Merkwürdigerweise sah es ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte gedacht, es würde sich als eine Reihe flacher Inseln präsentieren — sonnige Gärten, Blumen, Teehäuser, kleine Tänzerinnen, in der Mitte steht der Fujiyama, man fährt hm, und man ist da. So war es nicht. Was ich sah, war ein düsteres Gebirge, das nach und nach Form bekam, sich zerteilte und uns die große Bucht von Tsuruga öffnete. Weder Sonne noch blühende Gärten. Es regnete, und am Gestade lag ein elendes Nest, grau, flach, kaum zu sehen.
Ehe ich mich versah, saß ich in einer Riksha, und es ging dahin. Der Kuli nickte mit dem Kopf wie ein Pferd, der flache Hut hüpfte auf seinem kahlgeschorenen Schädel. Ich aber fing an, mich mehr und mehrzu wundern: Dieses Japan, von dem man soviel gehört und gelesen hat, es existierte also wirklich! Ich hatte im Sibirischen Expreß Muße genug gehabt, mich vorzubereiten, aber doch verwirrte mich alles und jede Einzelheit.
Was für ein Land ist das? denke ich, ich werde mich hier Haiti Der Kuli verbeugt sich, lächelt — und ich bin verwundert über das feine, milde Lächeln dieses schlichten Kulis. Wir halten vor einem Haus, das weder der Bahnhof noch ein Hotel ist, ich kann es noch so aufmerksam betrachten. In einem kleinen Vorraum steht eine Menge hoher Stelzenschuhe, ein geschlitzter blauer Vorhang mit weißen Ideogrammen verbirgt das Innere des Hauses. Und wieder verbeugt sich der Kuli, lächelt — da verstehe ich plötzlich: Das ist ein Teehaus! Vor zehn Minuten habe ich dieses Land betreten, und schon bin ich hier. Dieser Tausendsassa mit dem feinen Lächeln fuhr mich weder zum Bahnhof noch in ein Hotel, sondern es schien ihm wichtiger, daß ich gleich das Wesentliche kennenlerne.
Ein Genie von einem Droschkenpferd! Ach, damals wußte ich ja noch nicht, daß es ein Kastenwahnsinn der japanischen Rikshakuli ist, jeden Fremden ins Teehaus zu fahren, hartnäckig ins Teehaus, mag er wollen oder nicht.»