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DER JAPANISCHE FARBENHOLZSCHNITT
Die vielgestalugen Kulturen der Länder des großen Kontinents Asien waren von jeher untereinander mannigfaltig verknüpft. Das Gleichnis des Brunnens drängt sich auf, dessen höchstgelegene Schale die unteren speist. In vorchristlichen Tagen war eine Zeitlang Indien, die Wiege der Götter, diese Segenspenderin, und die geographische Lage Japans im äußersten Osten glich jener zutiefst liegenden Brunnenschale, in welcher die Wasser sich sammeln. Bis zur Zeit der direkten Fühlungnahme mit den Holländern im XVIU. Jhdt. strömten die kulturellen Impulse über Korea und China ins Land als befruchtende Anregungen rasseverwandter Völker: östlicher Geist, östliche Ideale und Religionen, östliche Gelehrsamkeit und Philosophie. Bis an die Küsten von Hellas, Etrurien, Phönizien, Ägypten, ja von Irland wurden diese Anregungen spürbar. Japan erkannte aus angeborener Sicherheit des Geschmacks und aus stets wacher Neugier die Großartigkeit des übermittelten Kulturgutes, und Japan besaß die Gabe, das bereitwillig Übernommene ohne Gewaltanwendung und ohne Verluste in unverwechselbare japanische Werte umzuwandeln. Nur aus dem China und Japan gemeinsamen Besitz einer symbolbeladenen Schrift ist diese besondere Entwicklung der Malerei, aller graphischen Künste und damit auch des Japanholzschnittes zu erklären. Schreiben, zeichnen und malen waren für den Chinesen und den Japaner dieselben nur aus großer Konzentration möglichen geistigen Äußerungen.
Die Technik des Holzschnitts war den Japanern bereits im VIH. Jhdt. geläufig, aber es blieb jahrhundertelang bei Erinnerungsbildern iur Pilger und bei Amuletten in Form buddhistischer Bilderbogen, man baute die Technik nicht aus. Um die Wende des XVI. zum XVII. Jhdt. druckte man dann in Osaka und KySto illustrierte Holzschnittbücher religiösen und wissenschaftlichen Inhalts, jedenfalls volle hundert Jahre bevor in Edo, dem heutigen Tokyo, der erste bedeutende Zeichner für den Holzschnitt von sich reden machte. Man sollte die Bezeichnung „Holzschnittmeister" vermeiden, da es sich um die Zeichner für den Holzschnitt handelt, deren Arbeiten von den eigentlichen Holzschnitt-Meistern in Holz geschnitten wurden. Die mit Tusche auf dünnes Reispapier gefertigte Zeichnung wurde mit der Schauseite auf eine 3 cm starke Kirschbaumholzplatte geklebt, und das rings um die Schwarzzeichnung stehende Weiß wurde herausgeschnitten. Die Geschichte dieser Kunstgattung und ihrer Meister umfaßt einen Zeitraum von rund 200 Jahren. Man nennt die Holzschnitte „Ukiyo-e", übersetzt etwa „Bilder dieser vergänglichen Welt". Es ist eine nachdenklich stimmende und sehr treffende Bezeichnung für Dokumente auf solch leicht zerstörbarem Papier. Die Einzelblätter und Buchillustrationen beschäftigen sich, was das Motiv betrifft, mit der gesamten Kultur- und Sittengeschichte Japans. Wir finden Schilderungen des höfischen, häuslichen und des Straßenlebens, der Freudenhäuser, der Festlichkeiten, Mo-
den, Spiele, des Theaters, auch Darstellungen der Seidenraupenzucht und des Reisbaus, Bilder zu Märchen, Sagen, Gespenstergeschichten und zu den tausend Anekdoten, die sich an die Namen berühmter Helden, Frauen, Kinder, Tiere und Fabelwesen knüpfen. Den Pflanzen, den Tieren, besonders den Vögeln, Insekten, Fischen und Muscheln ist ein großer Platz eingeräumt. Wir kennen die Namen sämtlicher Schauspieler seit 1681, in welchem Jahr Hishi-kawa Moronobu den Mimen Bözü Kohe zeichnete. Wir wissen, welche Rollen sie an welchen Theatern spielten und mit welchem Erfolg. Wir kennen die schönsten Freudenmädchen aus den berühmtesten Häusern des Yoshiwara und die Bildnisse der Dichter imd Dichteritmen. Und wenn wir diese Bildnisse lediglich für Idealisierungen hielten, würde em Vergleich derselben Modelle, von verschiedenen Meistern gezeichnet, uns eines Besseren belehren. Wir erfahren, wie es „drüben" in den verschiedenen Jahreszeiten aussieht und wie diese lustigen, immer zu einem Spaß aufgelegten Leute Wind, Regen, Schnee und Sonnenschein ertragen. Wir finden Bilder der berühmten Wasserfalle, Brücken und Seen und sämtlicher Raststätten des „Tö-kaidö", der „Ostmeerstraße" zwischen Edo und Kyoto und immer wieder die schöne Silhouette des heiligen Berges Fuji. Es gibt in Wahrheit nichts Japanisches, was diese tausend und abertausend Bilder der vergänglichen Welt nicht vor dem Vergessenwerden und Übersehen bewahrten.
„Ukiyo-e!" — Ursprünglich bezeichnete der Name eine Malerschule und einen Malstil. Der Malet Iwasa Matabe Katsumochi, 1578—1650, der auch Ukiyo-e-Matabe ge-naimt wurde, wird häufig als Erfinder dieses Stiles zitiert. Aber er hat keine Bilder dieser vergänglichen Welt gemalt, wenn man nicht seine Gemälde höfischer Szenen, die für die Aristokratie bestimmt waren, in übertragenem Sinn so neimen soll. Er hat nie für den Holzschnitt gearbeitet. Dagegen soll sein Sohn Iwasa Gembe Katsushige Einzelblätter und illustrierte Bücher hinterlassen haben. Die Ehemals Staatliche Kunstbibliothek Berlin besitzt eine Deckfarbenmalerei seiner Hand aus dem Besitz der Familie des Daimyo von Katsuyama, Provinz Mimisaka. Es ist ein wundervoll erhaltenes Fragment im höfischen Stil des Vaters. Man darf es mit dem Begriff Ukiyo-e so wenig genau nehmen wie mit vielen anderen geläufigen Kunstbegriffen, es handelt sich immer wieder um Klassifizierungsversuche, die allzu eng gezogene Grenzen sprengen. Weder malten die Ukiyo-e-Maler nur Bilder dieser vergänglichen Welt, noch darf man sie mit den Zeichnern der Ukiyo-e-Holzschnitte verwechseln. Der erste große Frühmeister des Japanholzschnittes war Hishikawa Moronobu, aber weder hat er den Holzschnitt, noch den Ukiyo-e-Stil, noch die Bezeichnung Ukiyo-e erfunden. Dagegen hat er den in der damaligen Hauptstadt Kyoto und in Osaka schon lange als Buchillustration heimischen Holzschnitt in Edo bekannt gemacht und ihm