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Ganz
oberflächlich
^ Als Medium für den professionellen ^ Softwareentwickler sieht sich Java-SPEKTRUM in der Pflicht, bisweilen einen kritischen Blick auf die Java-Szene zu werfen. Laut neuester wissenschaftlicher Untersuchungen erleidet ein signifikanter Anteil von IT-Benutzern aufgrund von schlecht gestylten oder mäßig durchdachten Bedienoberflächen nervöse Störungen oder zeigt andere Verhaltensauffälligkeiten. Aus diesem Grund war es an der Zeit, dem Problem auf den Grund zu gehen und ein Psychogramm der dafür verantwortlichen „Schadbären" zu erstellen. Nach dem Vorbild des legendären Günter Wallraff hat sich die Redaktion - natürlich inkognito - in verschiedenen Entwicklungsabteilungen selbst ein Bild gemacht. Hier die Ergebnisse unserer langjährigen Beobachtungen in freier Wildbahn.
Liebhaber traditioneller, webbasierter Oberflächen verbringen auch ihren Urlaub gerne fernab der modernen Zivilisation. Sie verfügen über ein schlichtes Gemüt und über eine ausgeprägte Engelsgeduld, was bisweilen darin gipfelt, dass sie die Zeit von der HTTP-Anfrage bis zur Anzeige der Ergebnisseite für ein gemütliches Kaffeepläuschchen nutzen. Selbstverständlich lieben sie Retro-Look und Slow Food, und darüber hinaus Musik- und Filmkonserven mit einer mindestens zwanzigjährigen Staubschicht. Ohnehin steht ihnen der Sinn ganz nach dem Ursprünglichen und Unverfälschten, weshalb sie Rohkost aus ökologischem Anbau bevorzugen,
stets mit dem Fahrrad zwischen Arbeit und Heim pendeln, und, was fast noch schlimmer ist, auf die Uralteditoren vi oder emacs schwören.
Anhänger der Swing-Bibliothek gelten als unverbesserliche Kontroll-Freaks. Wo andere Artgenossen sich längst mit oberflächlichen Resultaten zufrieden geben würden, beginnt für die Mitglieder der Swinger-Szene erst die eigentliche Herausforderung. Dem „Keep it simple"-Prinzip begegnen sie mit offener Verachtung. Stattdessen verfolgen sie jeden noch so unbedeutenden Aspekt mit geradezu pedantischer Detailversessenheit. Schon in ihrer Kindheit pflegten sie den Dingen stets auf den Grund zu gehen, was im Elternhaus für gehörig Furore sorgen konnte, sobald sie wieder einmal ein wichtiges Haushaltsgerät in seine Einzelteile zerlegt hatten. Ohne Rücksicht auf Verluste streben sie stets danach, das Potenzial der UI-Bibliothek möglichst vollständig auszuschöpfen. Für die Anwender ihrer Elaborate ergeben sich daraus mitunter frustrierende Erlebnisse.
Ajax-Jünger, bekennende JavaFX-Hohepriester, Entwickler für mobile Anwendungen und alle sonstigen Asketen geben sich sogar im Alltag gerne Illusionen hin. Sie lesen Stanislaw Lern, Terry Prachett und Douglas Adams, und zählen in der Regel zu den begeisterten Anhängern magischer Darbietungen. Zudem glauben sie fest an den Gott der Asynchronität und rezitieren vor dem Schlafengehen andächtig und regelmäßig alle bekannten Muster für effizientes Ressourcenmanagement - sehr zum Leidwesen ihrer häufig wechselnden Lebensabschnittspartner. In ihrer Freizeit genießen sie lange Fernschachpartien, gehören aber ansonsten zu jenen Geschöpfen, die auch noch in das letzte Quäntchen Zeit ein Maximum an Inhalt zu stopfen trachten. Im Gegensatz zu ihren anderen Zeitgenossen glänzen sie durch eine ausgeprägte Multitasking-Fähigkeit, was sie demzufolge von den übrigen, überwiegend männlichen Artgenossen unterscheidet.
Zu der Gattung der typischen Revoluzzer zählt hingegen die geradezu avantgardistische Spezies der SWT-und RCP-Entwickler. Auffallend oft bezeichnen sie „Blau" als ihre Lieblingsfarbe und schmücken ihre Bürowände mit Postern von Che Guevara oder Led Zeppelin. Mit dem Mainstream geben sie sich grundsätzlich nicht zufrieden, sondern schwimmen schon aus Prinzip lieber gegen den Strom, weshalb sie sehr oft schon frühzeitig ihr Elternhaus
verlassen mussten, übrigens sehr zur Erleichterung der übrigen Bewohner. Kern Wunder, dass sich in ihrer umfangreichen Videothek oft sämtliche Werke von Monty Python befinden, und in ihrer Büchersammlung handsignierte Exemplare der Gang of Four. Als Eciipse-Protagonisten scheuen sie freilich das Tageslicht und arbeiten bevorzugt hinter geschlossenen Rollläden, was ihren auffällig blassen Teint erklärt. Nach Feierabend und bei Vollmond mutieren sie nicht selten zu anderen Persönlichkeiten und machen dann die örtliche Nachtszene unsicher.
Die Fraktion der Big Foots, bestehend aus Großrechner-Haudegen, SAP-Entwickler und SOA-Guerillas, denkt wehmütig an jene Vergangenheit zurück, als Mainframes die Erde beherrschten und Programmierer noch als echte Programmierer galten. So huldigen sie konsequent ihrer Leitlinie „form follows function", verstehen es aber mit faszinierender Akribie, böhmische Dörfer aus eben dieser „function" zu kreieren. Dem seinem natürlichen Instinkt folgenden Benutzer haben sie dadurch schon manches Ei ins Nest gelegt. Dessen Wehklagen bringen sie indes nur wenig Verständnis entgegen, gilt doch nach ihrem Lebensbild auch in der IT das Darwinsche Prinzip des Stärkeren — gerade für die vielen Sadomisten unter ihnen eine unglaublich süße Versuchung. Um den äußeren Schein zu wahren, uniformieren sie sich in ihren konspirativen Treffen stets mit Anzug und Krawatte.
Das waren sie also, die Ergebnisse unserer investigativen Exploration. Wenn Sie an den Erkenntnissen noch irgendwelche Zweifel hegen sollten, können wir Ihnen nur empfehlen, die Fakten anhand eigener Beobachtungen und Recherchen zu bestätigen oder gegebenenfalls zu relativieren. Weitere sachdienliche Hinweise nimmt jedenfalls die Redaktion gerne und jederzeit entgegen. Für die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung in Höhe von 5000 Unit-Tests ausgesetzt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß mit der vorliegenden Ausgabe
Ihr
Dr. Michael Stal