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Die Reise
^ Schon längst stand der Schwerpunkt ^ dieser Ausgabe fest, als mich der befreundete Wissenschaftler Professor Matrjoschka zu einer fantastischen Reise einlud, in der mich das Thema Virtuali-sierung auf unvorhergesehene Weise beschäftigen sollte.
Kurz nachdem der Serializer meinen Körper digitalisiert und in den Cyberspace transferiert hatte, materialisierte ich auf der Brücke der JAMES (JAva Mobile Exploration Ship). Der Ausblick aus dem Sichtfenster war faszinierend, geradezu schwindelerregend. Nie hätte ich für möglich gehalten, welch surreales Universum eine JVM offenbart. Die Welt wirkte perfekt geordnet, aber dennoch sehr abwechslungsreich. In der Ferne erkannte ich riesige schwarze Löcher, die längst ausgebrannte Gestirne verschlangen - quasi als Exekutive der automatischen Speicherbereinigung. Leider ließ mir die Mission keine Zeit, um der Landschaft zu frönen. Stattdessen hielt ich durch die Luke Ausschau nach dem Einstieg in die nächste Metaebene. Wenig später erblickte ich das Ubergangstor, dem ich mich sodann behutsam näherte.
Unvermittelt aufflackernde Blitze und Farbenspiele erhellten die JAMES, die sich unter heftigem Zittern durch das Gate bewegte, worauf ich mich in einem anderen Universum wieder fand, das eher chaotisch und komplex wirkte. Irgendwo in einem versteckten Seitenarm
hatte der Schöpfer dieser Welt seine Visitenkarte hinterlassen, auf der in großen Buchstaben „Windows" prangte. Auf meinem Weg durch dieses verzweigte Labyrinth begegnete ich zahlreichen anderen Schiffen, alle mit Schutzschirmen versehen, die aber nicht immer den stabilsten Eindruck hinterließen. Als ich mich schon völlig orientierungslos wähnte, erfasste mich unvermittelt ein Sog. Den Tod vor Augen wirbelte ich durch ein Sicherheitsleck und gelangte unversehrt zur nächsten Station.
„Welcome to the Virtual machine" begrüßte die Welt die Neuankömmlinge. Alle Gestirne in diesem Kosmos bildeten ihrerseits Ökosysteme, die eigene Welten beherbergten. Allein der Gedanke daran verursachte in mir Verwirrung und Kopfschmerzen - ein Holodeck für Betriebssysteme! Hinter dieser virtuellen Fassade musste sich der Eingang zur materiellen Wirklichkeit befinden. Ich hielt mich also nicht lange mit der Erkundung des Universums auf, sondern lokalisierte die Übergangsstelle zum übergeordneten Kosmos. Nach weiterem ungemütlichen Transfer erreichte ich die nächsthöhere Sphäre der Ausführungshierarchie.
Gigantische homogene Strukturen sowie seltsam anmutende Maschinen prägten diese Welt. Zwar empfand ich die Symmetrien als ästhetisch, aber auch als schrecklich eintönig. Offensichtlich befand ich mich in einem der verbreiteten Mehrkern-Systeme, dem innersten Teil der Realität, so zumindest meine Deutung. Nach einer Weile begann ich das faszinierende Spiel der Quanten zu genießen und musste unwillkürlich an Schrödingers Katze und an die Heisen-bergsche Unschärferelation denken. In der Tat war es nicht möglich, die an der Luke vorbeischwirrenden Elektronen mit bloßem Auge zu erfassen und gleichzeitig ihre Bewegung zu studieren. Stattdessen erschienen sie mir wie schwingende, immerzu leuchtende Bänder. Langsam aber sicher begann mich diese Welt zu faszinieren und ich hätte meine Exploration noch viele Millisekunden fortsetzen können, als plötzlich ein schriller Alarm durch die JAMES gellte. Ein heftiges Rütteln erfasste das Schiff und ich fürchtete schon um seine strukturelle Integrität, als eine Art Kugelblitz erschien, der das Schiff wie in einen Kokon einhüllte. Ein starkes Leuchten, anschließend plötzliche Dunkelheit, und schon war ich erneut in einer anderen Welt.
Nun hatte ich unser eigenes Universum betreten. Als langjähriger Konsument unzähliger SciFi-Serien, benötigte mein Gehirn nur den Bruchteil einer Sekunde für diese Erkenntnis. Noch dazu besaß ich jetzt wieder meine normale physische Gestalt. Durch das Sichtfenster nahm ich zu meiner Linken die Sonne wahr und zu meiner Rechten unseren blauen Planeten. Die anfängliche Freude und Faszination machten allerdings bald einem ernüchternden Gedanken Platz. Wie um alles in der Welt sollte ich jemals wieder die Erde und damit die JavaSPEKTRUM-Redaktion erreichen - für Raumflüge war die JAMES schließlich nicht ausgelegt? Damals wusste ich noch nicht, dass eifrige Physiker in Cem just in diesem Moment ihr erstes Experiment mit dem Large Hadron Collider durchgeführt und dabei versehentlich ein schwarzes Loch erzeugten hatten, welches sich mir nun mit großer Geschwindigkeit näherte. Zunächst fiel mir nur auf, dass sich alles immer mehr zu verlangsamen und in die Länge zu dehnen schien. Un-end-lich!
Irgendwann kam ich wieder zu Be-wusstsein. Um mich herum ein weiteres Universum, das mir durchaus vertraut vorkam. Ein Déja-vu? Das Leben nach dem Tod? Die Matrix? Nein, ich befand mich tatsächlich in der JVM, in der die Reise ihren Anfang genommen hatte. Was sollte das bedeuten? Warum hatte ich mich im Kreis gedreht? Ehe ich meine Gedanken vertiefen und ordnen konnte, erfasste mich auch schon der Deseriali-zer, dessen Timer soeben abgelaufen war. Zu guter Letzt war ich in unsere Realität zurück gekehrt.
Wie Sie sich sicher denken können, hat sich seit dieser Reise meine Sicht der Dinge völlig verändert. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass die gesamte Welt auf einer Java VM läuft. Mit dieser Erkenntnis lebe ich glücklich und zufrieden, bis sich eines Tages der Schöpfer anschickt, meine Finalize-Methode aufzurufen.
Sollte ich Sie neugierig gemacht haben: mehr Erkenntnisse zu virtuellen Welten finden Sie in der vorliegenden Ausgabe vonJavaSPEKTRUM.
Ihr Michael Stal