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KAMERALISMUS UND TECHNISCHE
ENTWICKLUNG IN MITTELEUROPA
IM 18. JAHRHUNDERT*
Von
f.szabadvary
Lehrstuhl für Allgemeine und Analytische Chemie
Technische Universität, Budapest
Eingegangen am 22. Mai 1978
Das 18. Jahrhundert gehört zu den großen Jahrhunderten der Mensch-
heit. Zwar glaube ich, daß die Menschheit seither nur große Jahrhunderte ge-
habt hat, das 19. war noch größer und das 20. Jahrhundert übertrifft das 19.
Offensichtlich übertraf jedes Jahrhundert hinsichtlich der Entwicklung das
vorige, nur ging diese Entwicklung lange Zeit sehr langsam vor sich. Eben das
18. Jahrhundert war jenes, wo die Entwicklung so rasch wurde, daß sie auch
von den Zeitgenossen wahrgenommen werden konnte. Seither beschleunigte
sie sich dermaßen, daß wir manchmal beängstigt fragen, wohin denn das führen
wird. Der Motor des Fortschrittes war immer die technisch-wissenschaftliche
Entwicklung. Diese wirkte immer auf die Gesellschaft aus, je näher unserer
Zeit, umso stärker.
Beim Studieren der Technik und der Industrialisierung des 18. Jahrhun-
derts in Mitteleuropa, trifft man immer auf planmäßige und bewußte staatliche
Verordnungen. Es macht manchmal den Eindruck, als hätte man versucht
planmäßig und mit staatlicher Förderung den Kapitalismus »aufzubauen«.
Die Unterstützung der Industrialisierung war eine bewußte Handlung, sie
ergab sich aus der merkantilistischen Politik der Regierungen, die in den
ostdeutschen Staaten, Preußen und Sachsen, besonders aber in Osterreich—
Ungarn unter dem Namen Kameralistik wirkte. Diese war zugleich eine Ideo-
logie, und ein Wissenschaftszweig, bestehend aus Staats-, Finanz- und Wirt-
schaftswissenschaften, weiterhin aus technischen-technologischen Kenntnis-
sen. Die Kameralistik besaß Lehrstühle an den Universitäten. Außer Wissen-
schaft war sie aber auch bewußtes Wirtschaftsprogramm und Staatskonzep-
tion, in Österreich außerdem auch Reichsideologie, die bestrebt war, die ent-
standene Habsburgische politische Einheit durch Schaffung einer einheitlichen
Wirtschaft zu unterstützen, wo jedes Habsburg-Land dazu bestimmt war,
eine seinen Gegebenheiten am besten entsprechende Wirtschaftstätigkeit zu
fördern, diese Tätigkeiten hätten sich dann am Rahmen des ganzen Gebildes
gegenseitig ergänzen sollen.
* Vorgetragen an dem XV. International Congress of the History of Science, Edinburgh,
August, 1977.