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Karibische Inseln
Inseln unter heißer Sonne.
Karibik - der Name weckt Vorstellungen von glühender Sonne über endlosen, feinsandigen Stränden, die von schattenspendenden Palmenhainen gesäumt sind, von mitreißenden Calypso- und Limbo-Rhythmen, Rum-Punsch und schönen dunkelhäutigen Menschen in fröh-lich-bunten Gewändern, stets freundlich und voll Impulsivität.
Dieser Archipel vor den Küsten Mittelamerikas läßt sich aber in kein Klischee pressen - nirgendwo sonst gibt es eine mannigfaltigere Inselwelt mit so unterschiedlichen Kulturen. Es sind die weitverstreuten Reste vulkanischen Ursprungs einer versunkenen Gebirgskette mit ihren tausenderlei Gesichtern: manche fast völlig von tropischem Regenwald bedeckt wie Dominica, andere wiederum wüstenhaft und voller Kakteen wie Aruba und Curaçao oder wasserarm und felsig wie Saba. Jamaika ist von Flüssen durchzogen, die in gischtenden Katarakten zu Tal stürzen. Auf Martinique und Guadeloupe rauchen Vulkane, alpine Landschaft prägt Haiti und die Dominikanische Republik, zartschimmernde Korallenbänke umgeben die sanften Hügel der Jungferninseln, üppig bewachsen sind die Berge von St. Lucia.
Ebenso grundverschieden sind auch die Einwohner, deren Vorfahren aus vielen Ländern der Erde stammen. Denn seitdem Columbus 1492 erstmals hier landete und sich fälschlicherweise in Indien wähnte - daher auch der besonders im Britischen gebräuchliche Name „Westindische Inseln" -, war der umstrittene Archipel „Hahnenkampfplatz der Welt", wie man ihn oft bezeichnete. Aber nicht nur gegenseitig rivalisierende Europäer -Spanier, Engländer, Franzosen, Holländer und Dänen ~ wurden von ihm angezogen, sondern auch Inder, Chinesen und Japaner. Unfreiwillig kamen bloß die Afrikaner: die Briten importierten sie ab 1514 als Sklaven und kostenlose Arbeitskräfte für die neu angelegten Zuckerrohrplantagen - als Ersatz für die eingeborenen Indios, die sich für eine solche Knechtschaft nicht eigneten. Um 1700 zählte man auf Grenada für jeden Weißen zwei Schwarze. Kaum achtzig Jahre später war das Verhältnis - auch auf den anderen Inseln - eins zu fünfundzwanzig. Während rund eineinhalb Jahrhunderte später, 1833, England den Menschenhandel in den Kolonien abschaffte, wurden Tausende von Hindus angeworben, und auf Trinidad leben nun fast genau so viele Asiaten wie Afrikaner.
Von den einstigen Bewohnern, den wahrscheinlich aus Venezuela kommenden Arawak - sie vermischten sich nach ihrer Einwanderung auf die Kleinen Antillen im 1. Jahrhundert n. Chr. mit den bereits seit 3600 Jahren dort ansässigen Ciboney-Indianern sind nur noch ein paar Felsmalereien, vor allem auf Aruba, Bonaire, St. Vincent und Guadeloupe, zu sehen. Ein kleines Häufchen von Kariben - ein Kannibalenstamm, der die Arawak im 14. Jahrhundert auf die Bahamas verdrängte - lebt in einem Reservat auf Dominica. Vorherrschend sind Mulatten in allen Braunschattierungen, Nachkommen der meist aus Westafrika verschleppten Negerinnen und europäischer Farmer, Soldaten und Seeleute. Das Neben- und Miteinanderleben der weißen, schwarzen, gelben und roten Rasse erzeugt Spannungen - aber auch Toleranz dem anderen gegenüber. Betritt man den Boden irgendeiner der Inseln, spürt man es sofort: unter der gleichgültigen Oberfläche verbirgt sich glutvolle .Dynamik - denn auch hier ist der in den Tropen übliche Lebensrhythmus zu Hause. Graziös und sinnlich wirken Frauen und Mädchen, wenn sie stolz die Dorf-straße einherschreiten, noch heute ihre Lasten anmutig auf dem Kopf balancieren und sich stets mit einem' Seitenblick vergewissern, daß ihre biegsame Gestalt, die glänzenden Ohrgehänge und ihr farbenprächtiges Kleid die nötige Beachtung finden. Es wird gern gescherzt, es kann aber auch zu übertriebenem hitzigem Streit kommen, lautstark und begleitet von wilden Gesten. In den heißen frühen Nachmittagsstunden erlahmt jedoch alle Aktivität. Hingebungsvoll wird der Siesta gehuldigt -um desto temperamentvoller und ausgelassener bei Sonnenuntergang in Musik und Tanz aufzugehen. Es wird behauptet, erst wer seinen Tanz verstünde, begänne die Seele des karibischen Volkes zu begreifen. Uber die Grenzen hinaus berühmt wurden zuletzt Ca-lypso und Limbo. Aus spanischen Serenadengesängen, melancholischen Liedern der Inder und afrikanischer Trommelmusik entstand der Calypso - fröhlich und traurig zugleich, provozierend und voll politischer und erotischer Anzüglichkeiten. Das Material für die Texte liefern historische Ereignisse ebenso wie brandneue Zeitungsmeldungen. Der Limbo hingegen war ursprünglich Teil eines aus Afrika mitgebrachten Totenkults: das tänzerische Hindurchgleiten unter einer Latte versinnbildlicht die Reise des Toten in ein anderes Dasein. Als im Zweiten Weltkrieg Trommeln und Blechinstrumente