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Von Karl Friedrich Schinkels Biographen hat es kauni einer versäumt, neben dem Künsller inid Bcamlen auch den iMenschen Schinkel zu beschreiben und zu würdigen. Eine Ei kiärung Tür dieses imlei- Kunsthistorikern nicht sehr verbreilele psychologische Interesse wird man vermutlich in der Tatsache zu sehen haben, daB Schinkel nicht in das Charaktermuster paBI, das traditionell als das dem Künstler eigene angesehen wird. Er war nach dem Zeugnis vielei-, die ihn kannten, eine Persönlichkeit ohne jene bizarren Züge, die oft geniale Künstlernaturen auszeichnen, ein Mensch von »raphaelischer Freundlichkeit., beschenkl mit wundervollen, auch unter gewöhnlichen Sterblichen seltenen Tugenden wie Sanftmut, Bescheidenheit, Geduldigkeit und Güle, die sich mit hoher Bildung und einem lief in der Seele wurzelnden Sinn für Schönheit vereinten. Franz Kugler, der erste Biograph des Künstlers, sehrieb 1842: »Wenigen Menschen war so, wie ihm, ilas Gepräge des Geistes aufgedrückt In seinen Bewegungen war ein Adel und ein GleiehmaB, in seinem Munde ein Lächeln, auf seiner Stirn eine Klarheit, in seinem Auge eine Tiefe und ein Feuer . . . GröBei- aber noch wai- die Gewalt seines VVoi'les, wenn das, was ihn innerlich beschäftigte, unwillkürlich und unvorbereitet auf seine Lippen trat. Dann öffneten sich die Pforten der Schönheit.« Solche Stimmen gibt es viele. Hören wir noch die eines Zeugen, der unverdächtiger ist als der mit Schinkel befreundete Kugler, eines ehemaligen Untergebenen, des Geheimen Obei baurates Hagen, der sich 1858 erinnerte: »Schinkels Ausdrucksweise war einfach und nieOend und von überraschender Klarheit. Durch das Spiel der Hände pflegte er die Formen zu versinnlichen, von denen er sprach . . . Der Tadel (an Werken anderer) war, wenn auch zuweilen durch Witz und Humor begleitet, doch immer in die mildeste Form gekleidet Zu heiligen Ausdrücken ließ er sich nie hinreiOen, widersprechende Ansichten suchte er stets zu vermitteln . . . Schinkels Persönlichkeil war das vollendete Bild echler Humanität.« Als der Sarg des Künstlers am 12. Okiober 1841 von der Bauakademie, wo die Familie Schinkel seit 1836 wohnte, zmn Friedhof der Friedrichswerderschen Gemeinde in der Chaussee-slraße gefahren wurde, folgten ihm Tausende. Sie belrauerlen nicht nur den »ruhmvollen Architeklen., sondern auch den »bescheidenen Mann , eben den Menschen Schinkel. Sein Sterben hatte dreizehn Monate gedauert. Am 11.September 1840 war er, eben von einem Erholungsurlaub zurückgekehrt, in einen Zustand der Besinnungslosigkeit und Lähmung gefallen und aus diesem, nur von wenigen lichten Augenblicken unterbrochen, nicht mehr erwacht. Dieses tratn-ige, von einigen Fi-eunden sicher befürchtete Ende hat seine Vorgeschichte und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Nachtseite seines Wesens. Alle menschliche Erfahrung spricht dafüi-, dalj die Ursache von Schinkels
Ki ankheit und frühem Tod in einer lebenslangen Uheranstren-ginig din-ch fortwährendes Tätigsein und künstlerisches Produzieren lag. Niemand kann heute mehr sagen, ob dieser fanatische Arbeitseifer eine Mitgift der Natur oder die Frucht eines Erziehungsprozesses war; wahrscheinlich beides. Schinkel selbst scheint sich dieses Charakterzuges sehr bewußt gewesen zu sein, denn er erwähnt ihn ausdrücklich iu einer kurzen Selbslbiographie \on 1825, im Znsammenhang mit l'-riedricb üillvs IVühem Tod seinerzeit im Jahre 1800, als er die VerpIlichInng übernonuiien hatte, die unvollendeten Privatbaulen des verehrlen i.cbrers lörlzuluhren. Die -Anstrengungen, die dazu nölig v\arcn sagl .Schinkel, »gründete(n). . . bei ihm eine gewisse rasllose laligkeil. der er späterhin, da sie ihm Natur geworden, \ieles zu danken halte Zeitweilig hat er aber zweifellos unter ihrgelilten. Dem Iraiizösischen Architekten Jacob Ignaz llittorf gegenüber hal er eimnal bedauernd von dem »unüberwindlichen Hang seiner Phainasic- gesprochen, -welchem er tmauniöilich emgcgenkämplte-; was wohl auch heißen sollte, dafl ihn diese nimmermüde Phanlasie immer wieder zum Arbeiten antiieb. Karl Friedlich Waagen, der den Künsllei' gut kannte, spricht in seiner Biographie von einer »fast gi-ausame(n) llerrschall des Geistes übei' den Köi per-.
Wie verwickelt die psychischen Zusammenhänge auch gewesen sein mögen, eines kann man gewiß behaupten: Schinkels Arbeits-hesessenheit war kein Werkzeug der Bidimsuchl und des Ehrgeizes. Sie fand ihre weltanschauliche Rechtfertigung in einem ausgeprägten protestantisch-preußischen Pllichtethos, das sich auch im persönlichen Wahlspruch des Künstlers kundtut: »Unser Geist ist nicht frei, wenn ei' nicht Herr seiner Vorstellungen ist; dagegen erscheinl die Freiheit des Geistes bei jeder Selbstüberwindung, bei jedem Widerstande gegen äußere Lockung, bei jeder Pnicht-erfüllung, bei jedem Streben nach dem Besseren und bei jeder Wegraiuuung eines Hiiideniisses zu diesem Zweck. Jeder freie Moment ist ein seliger.« Diese überhöhte Pnichtauffassung ist in ihrer, fast möchte man sagen, selbstmörderischen Konsequenz heute mn- noch schwer nachznvollziehen. Sie kommt uns jedoch näher, wenn wir erkennen, daß sie von der Gewißheit durchdrungen wai-, im Dienste des Menschen und der Höherentwicklung seiner Gattung zu stehen.
Obwohl sieh Schinkel, wenigstens nach den Quellen zu urteilen, nie über Politik geäußert hat, war er überzeugt, in einer Epoche tiefgreifender und historisch notwendiger Umwälzungen zu leben, denen er sich als verantwortungsbewußter Künstler stellen mußte und wollte, indem er mit seiner Kunst dazu beitrug, »alle menschlichen Verhältnisse (zu veredeln)., durch ästhetische Erziehung die Menschen moralisch zu vervollkommnen und auf diese Weise zu befähigen, ihre gegenseiligen Beziehungen