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VORWORT
Jede Epoche schafft sich ihr eigenes musiktheoretisches Lehrgebäude. Wenn auch ein gewisser Grundbestand an Erkenntnissen und Regeln von einer Generation zur andern weitergereicht wird, so zwingt doch der stete Erfahrungszuwachs aus der sich fortentwickelnden Musikpraxis und -forschung zur immer neuen Ausrichtung der Theorie auf die Belange der lebendigen Musikübung. Als Johann Christian Lobe (1797—1881) vor 100 Jahren seinen „Katechismus der Musik" verfaßte, der in zahllosen Neuauflagen und einigen Übersetzungen^ durch die Welt wandern sollte, stand ihm als Erfahrimgsgebiet die soeben abgeschlossene Stilepoche der Klassik und ein Teil der romantischen Gegenwartskunde zur Verfügung. Seitdem hat sich viel zugetragen. Das sinfonische Werk Brahms' vmd Brudcners, das Musikdrama R. Wagners, H. Wolfs Klavierlied, R. Strauss' Sinfonische Dichtungen, Regers Orgel-polyphonie, Debussys impressionistischer Klangzauber, die Versuche mit neuen Tonsystemen, die moderne Entwicklung von der atonalen zur neuklassizistischcn Musikhaltung bedeuten eine unermeßliche Anreicherung unseres Erfahrungsbesitzes. Besinnt man sich ferner darauf, daß die Gesamtausgabe der Bachschen Werke damals eben erst ins Auge gefaßt wurde und daß die gewaltige Barock-Wiederbelebung erst in den nächsten Jahrzehnten einsetzen sollte, daß das Zeitalter der strengen Musikforschung erst im Aufgehen war, daß erst 50 Jahre später die Jugendbewegung den Boden für eine neue Musizierhaltung bereiten sollte, dann ermißt man, mit welch engem Blickfeld Lobe eigentlich an seine Arbeit herangehen mußte.
Es bedarf keiner weiteren Begründung, daß sidi eine Neuauflage, wie sie vom Verlag gewünscht wurde, nicht mit Retuschen und Nachträgen begnügen konnte. Es war dies um so nötiger, als die bisherigen Revisoren und Neubcarbeiter mit ehrfürchtiger Scheu dem Lobeschen Text gegen-übcrgetretcn waren. Selbst die uns vorUegende Neufassung Hugo Leich-tentrilts (1913) ließ das Büchlein in einer Form herausgehen, die auch sdion damals antiquiert wirken mußte. So blieb dem diesmaligen Bearbeiter mehr zu tun, als einen Zeitraum von 36 Jahren zu überbrücken. Neben der stofflichen Erweiterung, die sich besonders in den Kapiteln der Akkord- und Kontrapunktlehre, der Instrumenten-, Formen- und Stilkunde nötig machle, wurde grundsätzlidi erstrebt, das Darstellungsgebiet durch historische Fragestellung zu vertiefen. Dabei galt es, den ganzen Lehrstil Lobes nach Mögüchkeit zu verlebendigen und zu mo-
' Z. B. übersetzte Tschaikowsky ihn ins Russisdie.
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