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Werner Timm - Käthe Kollwitz [antikvár]
 
Den Bedingungen der Zeit und des Ortes nachzuspüren, in denen die Entwicklung eines großen Künstlers begann, ist ein spannendes und sehr lohnendes Unterfangen. Allerdings verlangt es Beharrlichkeit und Konsequenz, um in der oft differenzierten, vielseitigen Verankerung der Anfänge, In den divergierenden und gar widersprüchlichen Anregungen und Beeinflussungen den roten Faden des fatsöchiichen Fortschritts nicht aus den Augen zu verlieren. Die Basis der Kunst von Käthe Kollv/itz ist in Königsberg zu suchen. Sie war breit und stark...
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Den Bedingungen der Zeit und des Ortes nachzuspüren, in denen die Entwicklung eines großen Künstlers begann, ist ein spannendes und sehr lohnendes Unterfangen. Allerdings verlangt es Beharrlichkeit und Konsequenz, um in der oft differenzierten, vielseitigen Verankerung der Anfänge, In den divergierenden und gar widersprüchlichen Anregungen und Beeinflussungen den roten Faden des fatsöchiichen Fortschritts nicht aus den Augen zu verlieren. Die Basis der Kunst von Käthe Kollv/itz ist in Königsberg zu suchen. Sie war breit und stark genug, um für das gesamte Schaffen richtungweisend zu werden. Denn obschon Käthe Kollwitz über fünfzig Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet hat, kann man sie doch nicht wie etwa Heinrich Zille oder Otto Nagel zu den Berliner Künstlern zählen. In ihrer ganzen Mentalität und künstlerischen Eigenart ist Käthe Kollwitz der Herkunft aus dem Norden verpflichtet geblieben und Ernst Barlach, Edvard Münch, Emil Nolde und - weiter ausgreifend - Rembrandt verwandter als den ihr In Berlin nahestehenden Künstlern. Königsberg ist nicht nur der Geburtsort der Künstlerin, sondern auch der Ausgangspunkt ihres Schaffens, wegweisend für ihre gesamte künftige Entwicklung. Vieles Spätere erscheint im Rückblick als Ausreifung und Vollendung des hier bereits Angelegten. Erstaunlich selbstsicher fand Käthe Kollwitz schon in Königsberg zu der für Ihr ganzes Werk so charakteristischen engen Verbundenheit mit dem Proletariat. »V^enn meine späteren Arbeiten durch eine ganze Periode nur aus der Arbeiterwelt schöpften, so liegt der Grund dazu in jenen Streiferelen durch die enge, arbeiterreiche Handelsstadt.« Und noch eine andere Äußerung der Künstlerin verweist auf diese Zusammenhänge: »Das eigentliche Motiv aber, warum ich von jetzt an zur Darstellung fast nur das Arbeiterleben wählte, war, weil die aus dieser Sphäre gewählten Motive mir einfach und bedingungslos das gaben, was ich als schön empfand. Schön war für mich der Königsberger Lastträger, schön waren die polnischen Jimkies auf ihren Witinnen, schön war die Großzügigkeit der Bewegungen im Volke. Ohne jeden Reiz waren mir Menschen aus dem bürgerlichen Leben. Das ganze bürgerliche Leben erschien mir pedantisch. Dagegen einen großen Wurf hatte das Proletariat.« Fast scheint der Hinweis auf das rein ästhetische Interesse zu sehr betont. Fraglos ist aber dieses Interesse tiefer verankert und beeinflußt von einem außergewöhnlichen Elternhaus. In dem der Akademie der Künste 1919 eingereichten Lebenslauf gibt Käthe Kollwitz den Beruf des Vaters als Prediger der freireligiösen Gemeinde in Königsberg an. Dazu muß man wissen, daß Carl Schmidt ursprünglich Jura studiert hatte, dann aber aus Gewissensgründen die juristische Laufbahn aufgab, das Maurerhandwerk erlernte und Baumeister wurde. Das Amt des Predigers übernahm er als Nachfolger von Julius Rupp, dem Großvater der Künstlerin, der diese erste freireligiöse Gemeinde in Deutschland gegründet hatte. Die aufrechte Persönlichkeit dieses Mannes, der wegen seiner fortschrittlichen Gesinnung besonders in der Zeit nach 1848 mehrmals gemaßregelt wurde, hat tiefen Eindruck auf Käthe Kollwitz gemacht. Den Vater aber bezeichnete sie selbst als »Hinüberführer zum Sozialismus«. Das gilt auch für den Bruder Konrad, der Sozialökonomie studierte und in England mit Engels In Berührung kam. Sehr bemerkenswert ist auch eine von der Freundin Helene Bloch festgehaltene Nachricht. Sie berichtet, daß beide gemeinsam Karl Kautskys Popularisierung der Lehre von Marx in regelmäßigen abendlichen Zusammenkünften In Königsberg studierten. So verband sich offenbar von vornherein mensch-lich-künstlerisches Engagement mit einem für die Zeit ganz außergewöhnlichen gesellschaftlichen Bewußtsein. 1884/85 studierte Käthe Kollwitz an der Künstlerinnenschule in Berlin. Ihr Lehrer war Karl Stauffer-Bern, der wohl auch als erster die spezifische Begabung seiner Schülerin für das Graphische erkannte und sie nachdrücklich darauf hinwies. Zu diesem Zeitpunkt aber war Ihr erstrebtes Ziel, Malerin zu werden, und blieb es auch, als sie 1888/89 Ihre Studien an der Künstlerinnenschule in München bei Ludwig Herterich fortsetzte. Unter den großen Meistern, deren Werken sie in der Alten Pinakothek begegnet, ist es vor allem Rubens, der sie für sich einnimmt: »Hingerissen hat mich Rubens.« Daß es gerade die lebenspralle, sinnlich-leidenschaftliche Malweise des Flamen ist, die sie am stärksten beeindruckt, sollte uns davor warnen, die Entwicklungslinie der Künstlerin zu einseitig und zu begrenzt aufzufassen. In München begann sich 1888 der selbständige Weg der damals Einundzwanzigjährigen bereits deutlich abzuzeichnen. Das Stichwort heißt »Germinal«. Zolas realistischer Bergarbeiierroman war gerade drei Jahre zuvor erschienen und fesselte vor allem die Jugend. In einer Künstlervereinigung außerhalb der Schule traf man sich, um nach wechselnden Themenstellungen Kompositionen zu entwerfen. Zu dem Thema »Kampf« wählte Käthe Kollwitz eine Szene aus »Germinal«, »wo in dem

Termékadatok

Cím: Käthe Kollwitz [antikvár]
Szerző: Werner Timm
Kiadó: Henschelverlag Kunst und Gesellschaft
Kötés: Varrott keménykötés
Méret: 240 mm x 280 mm
Werner Timm művei
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