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I Information | Das Volk der Dichter und Denker -
Geschichte eines Klischees
Auch wenn ihm Loriot seine berühmte Knollennase aufsetzt, erkennen wir ihn alle. Er ist der Deutsche, der den Bundesbürgern sofort einfällt, wenn sie - wie in einer Allensbacher Umfrage aus dem Jahr 1984 - danach befragt werden, worauf man als Deutscher stolz sein kann (vgl. a. T 1). Allzugerne berufen sich die Deutschen in ihrem Selbstverständnis als Kulturnation darauf, als das Volk Goethes, Schillers und der anderen großen Dichter zu gelten. Dies ist erstaunlich, denn das Verhältnis der Deutschen zu ihren Schriftstellern ist gewiß nicht ungetrübt, und daß in der Bundesrepublik das Wort der Dichter und Denker mehr zähle als andernorts, wird man kaum behaupten können. Aber stehen die Klassiker bei den Deutschen wirklich hoch im Kurs? Das Klischee vom Volk der Dichter und Denker geht u. a. auf das Buch „De l'Allemagne" (1810-1813) der Madame de Staël (1766-1817) zurück. Die aus Paris verbannte Schriftstellerin begegnete auf ihren Deutschland-Reisen (1803/1804 und 1807) Goethe, Schiller, Wieland und den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel. Als Todfeindin Napoleons stellte sie in ihrem Reisebericht dem zum Machtstaat verkommenen bonapartistischen Frankreich das philosophische und poetische Deutschland gegenüber. Diese idealisierende Schilderung fand nicht nur bei den gebildeten Franzosen große Resonanz. Sie prägte auch das Selbstbild der Deutschen, vor allem das Bewußtsein des aufstrebenden Bürgertums.