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Kinder- und Hausmärchen 1-2. [antikvár]

Kinder- und Hausmärchen 1-2. [antikvár]

 
Die Rabe Es war einmal eine Königin, die hatte ein Töchterchen, das war noch klein und mußte noch auf dem Arm getragen werden. Zu einer Zeit war das Kind unartig, und die Mutter mochte sagen, was sie wollte, es hielt nicht Ruhe. Da ward sie ungeduldig, und weil die Raben so um das Schloß herumflogen, öffnete sie das Fenster und sagte: »Ich wollte, du wärst ein Rabe und flögst fort, so hätt' ich Ruhe.« Kaum hatte sie das Wort gesagt, so war das Kind in eine Rabe verwandelt und flog von ihrem Arm zum Fenster hinaus. Sie flog aber in...
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Die Rabe Es war einmal eine Königin, die hatte ein Töchterchen, das war noch klein und mußte noch auf dem Arm getragen werden. Zu einer Zeit war das Kind unartig, und die Mutter mochte sagen, was sie wollte, es hielt nicht Ruhe. Da ward sie ungeduldig, und weil die Raben so um das Schloß herumflogen, öffnete sie das Fenster und sagte: »Ich wollte, du wärst ein Rabe und flögst fort, so hätt' ich Ruhe.« Kaum hatte sie das Wort gesagt, so war das Kind in eine Rabe verwandelt und flog von ihrem Arm zum Fenster hinaus. Sie flog aber in einen dunkeln Wald und blieb lange Zeit darin, und die Eltern hörten nichts von ihr. Danach führte einmal einen Mann sein Weg in diesen Wald, der hörte die Rabe rufen und ging der Stimme nach; und als er näher kam, sprach die Rabe: »Ich bin eine Königstochter von Geburt und bin verwünscht worden, du aber kannst mich erlösen.« - »Was soll ich tun?« fragte en Sie sagte: »Geh weiter in den Wald, und du wirst ein Haus finden, darin sitzt eine alte Frau, die wird dir Essen und Trinken reichen, aber du darfst nichts nehmen; wenn du etwas issest oder trinkst, so verfällst du in einen Schlaf und kannst mich nicht edösen. Im Garten hinter dem Haus ist eine große Lohhucke, darauf sollst du stehen und mich erwarten. Drei Tage lang komm' ich jeden Mittag um zwei Uhr zu dir in einem Wagen, der ist erst mit vier weißen Hengsten bespannt, dann mit vier roten und zuletzt mit vier schwarzen, wenn du aber nicht wach bist, sondern schläfst, so werde ich nicht erlöst.« Der Mann versprach, alles zu tun, was sie verlangt hatte, die Rabe aber sagte: »Ach, ich weiß es schon, du wirst mich nicht erlösen, du nimmst etwas von der Frau.« Da versprach der Mann noch einmal, er wollte gewiß nichts anrühren, weder von dem Essen noch von dem Trinken. Wie er aber in das Haus kam, trat die alte Frau zu ihm und sagte: »Armer Mann, was seid Ihr abgemattet, kommt und erquickt Euch, esset und trinket.« - »Nein«, sagte der Mann, »ich will nicht essen und nicht trinken.« Sie ließ ihm aber keine Ruhe und sprach: »Wenn Ihr dann nicht essen wollt, tut einen Zug aus dem Glas, einmal ist keinmal.« Da ließ er sich überreden und trank. Nachmittags gegen zwei Uhr ging er hinaus in den Garten auf die Lohhucke und wollte auf die Rabe warten. Wie er dastand, ward er auf einmal so müde und konnte es nicht überwinden und legte sich ein wenig nieder; doch wollte er nicht einschlafen. Aber kaum hatte er sich hingestreckt, so fielen ihm die Augen von selber zu, und er schlief ein und schlief so fest, daß ihn nichts auf der Welt hätte erwecken können. Um zwei Uhr kam die Rabe mit vier weißen Hengsten gefahren, aber sie war schon in voller Trauer und sprach: »Ich weiß, daß er schläft.« Und als sie in den Garten kam, lag er auch da auf der Lohhucke und schlief Sie stieg aus dem Wagen, ging zu ihm und schüttelte ihn und rief ihn an, aber er erwachte nicht. Am anderen Tag zur Mittagszeit kam die alte Frau wieder und brachte ihm Essen und Trinken, aber er wollte es nicht annehmen. Doch sie ließ ihm keine Ruhe und redete ihm so lange zu, bis er wieder einen Zug aus dem Glase tat. Gegen zwei Uhr ging er in den Garten auf die Lohhucke und wollte auf die Rabe warten, da empfand er auf einmal so große Müdigkeit, daß seine Glieder ihn nicht mehr hielten; er konnte sich nicht helfen, mußte sich legen und fiel in tiefen Schlaf Als die Rabe daherfuhr mit vier braunen Hengsten, war sie schon in voller Trauer und sagte: »Ich weiß, daß er schläft.« Sie ging zu ihm hin, aber er lag da im Schlaf und war nicht zu erwecken. Am anderen Tag sagte die alte Frau, was das wäre, er äße und tränke nichts, ob er sterben wollte? Er antwortete: »Ich will und darf nicht essen und nicht trinken.« Sie stellte aber die Schüssel mit Essen und das Glas mit Wein vor ihn hin, und als der - 5 - Vorwort der Neuaus^abe (2002) T^s waren einmal zwei Brüder, die verloren in jungen Jahren ihren Vater und lebten deshalb in J2i ärmlichen Verhältnissen. Da nahm sich ihrer eine Tante an und ermöglichte ihnen ein Studium. Eines Tages suchte ein großer Dichter Hilfeßr seine Sammlung von Liedern des Volkes und man wies ihm die beiden Brüder. Diese waren gerne bereit, ßr den Dichter zu arbeiten, und sie sammelten fleißig Märchen, Sagen und Legenden. Als sie aber eine ausreichende Menge an Geschichten aufgeschrieben hatten, da interessierte sich der große Dichter nicht mehr ßr ihre Arbeit und ließ die vielen Geschichten liegen. Da beschlossen die beiden, ihre Märchen selbst zu einem Buch zusammenzustellen und unter die Leute zu bringen. Obwohl es aber ein recht wohlfeiles Büchlein war, wollte es niemand so recht kaufen. Aber die beiden Brüder ließen sich nicht entmutigen und arbeiteten emsig weiter und schrieben vieles um oder sogar neu. Und siehe da, die Menschen interessierten sich plötzlich ßr ihre Geschichten und wollten alle die Märchen der beiden Brüder lesen. Und so ließen sie Auflage um Auflage drucken, und ihr Buch wurde in aller Welt bekannt Die beiden Brüder sind schon lange gestorben, aber ihr Name lebt noch heute, - untrennbar verbunden mit ihren Märchen, Grimms Märchen. Die Erfolgsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm liest sich selbst fast wie ein Märchen. Was als kleines Liebhaberprojekt begonnen wurde, entwickelte sich zu einem Stück Weltliteratur, zu einem der meistgelesenen Bücher. Angeregt wird die Arbeit von den romantischen Dichtern Clemens Brentano und Achim von Arnim, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Fortsetzung ihrer dreibändigen Sammlung von »alten deutschen Liedern«, Des Knaben Wunderhorn (1805-1808), Mitarbeiter suchen, die nach alten »Liedlein« bzw. auch nach Prosatexten forschen und diese abschreiben sollen. Diese Rückwendung zur altdeutschen und volkstümlichen Literatur liegt ganz im Sinne der Romantik, die damit die Dichter wieder enger an das Volk binden will. Es sind vor allem die Mitglieder der jüngeren Romantik, die sich in dieser Zeit in Heidelberg um Brentano und von Arnim sammeln. Die Dichter und Gelehrten dieser Epoche interessieren sich vor allem für die Zeit vom Frühmittelalter bis zum Ende des Barock, in der sie zum letzten Mal eine alles umspannende Kultur verwirklicht sehen. Besonders wichtig wird dabei neben der Volksliteratur die Herausgabe von hoher mittelalterlicher Literatur, um die sich auch die Grimms sehr verdient machen. Sie veröffentlichen unter anderem das Hildebrandslied als eines der ältesten Sprachdenkmäler Deutschlands, Hartmann von Aues Der arme Heinrich oder die Lieder der alten Edda. Außerdem entstehen wissenschaftliche Abhandlungen wie Wilhelm Grimms Die deutsche Heldensage. Mit der verstärkten Pflege des deutschen Kulturguts will man sich auch gegen den französischen Einfluß durch die napoleonischen Truppen wappnen; gleichzeitig fürchtet man, daß die mündlich überlieferten Sagen und Märchen langsam verloren gehen. Dies liegt zum einen an der zunehmenden Lese- und Schreibfähigkeit durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, zum anderen aber auch an der Auflösung der traditionellen Formen des Zusammenlebens in den Großfamilien. Eine solche Hausgemeinschaft, zu der neben den Verwandten auch Knechte und Mägde gehörten, versorgte sich weitgehend selbst und produzierte viele Ge- - 5 - An die Frau Bettina von Arnim Liebe Bettine, dieses Buch kehrt abermals bei Ihnen ein, wie eine ausgeflogene Taube die Heimat wieder sucht und sich da friedlich sonnt. Vor fünfundzwanzig Jahren hat es Ihnen Arnim zuerst, grün eingebunden mit goldenem Schnitt, unter die Weihnachtsgeschenke gelegt. Uns freute, daß er es so wert hielt, und er konnte uns einen schöneren Dank nicht sagen. Er war es, der uns, als er in jener Zeit einige Wochen bei uns in Kassel zubrachte, zur Herausgabe angetrieben hatte. Wie nahm er an allem teil, was eigentümliches Leben zeigte: auch das Kleinste beachtete er, wie er ein grünes Blatt, eine Feldblume mit besonderem Geschick anzufassen und sinnvoll zu betrachten wußte. Von unseren Sammlungen gefielen ihm diese Märchen am besten. Er meinte, wir sollten nicht zu lange damit zurückhalten, weil bei dem Streben nach Vollständigkeit die Sache am Ende liegen bliebe. »Es ist alles schon so reinlich und sauber geschrieben«, fügte er mit gutmütiger Ironie hinzu, denn bei den kühnen, nicht sehr lesbaren Zügen seiner Hand schien er selbst nicht viel auf deutliche Schrift zu halten. Im Zimmer auf und ab gehend, las er die einzelnen Blätter, während ein zahmer Kanarienvogel, in zierlicher Bewegung mit den Flügeln sich im Gleichgewicht haltend, auf seinem Kopfe saß, in dessen vollen Locken es ihm sehr behaglich zu sein schien. Dies edle Haupt ruht nun seit Jahren im Grab, aber noch heute bewegt mich die Erinnerung daran, als hätte ich ihn gestern zum letztenmal gesehen, als stände er noch auf grüner Erde wie ein Baum, der seine Krone in der Morgensonne schüttelt. Ihre Kinder sind groß geworden und bedürfen der Märchen nicht mehr; Sie selbst haben schwerlich Veranlassung, sie wieder zu lesen, aber die unversiegbare Jugend ihres Herzens nimmt doch das Geschenk treuer Freundschaft und Liebe gerne von uns an. Mit diesen Worten sendete ich Ihnen das Buch vor drei Jahren aus Göttingen, heute sende ich es Ihnen wieder aus meinem Geburtslande wie das erstemal. Ich konnte in Göttingen aus meinem Arbeitszimmer nur ein paar über die Dächer hinausragende Linden sehen, die Heyne hinter seinem Hause gepflanzt hatte, und die mit dem Ruhm der Universität aufgewachsen waren; ihre Blätter waren gelb und wollten abfallen, als ich am 3. Oktober 1838 meine Wohnung verließ; ich glaube nicht, daß ich sie je wieder im Frühlingsschmuck erblicke. Ich mußte noch einige Wochen dort verweilen und brachte sie in dem Hause eines Freundes zu, im Umgange mit denen, welche mir lieb geworden und lieb geblieben waren. Als ich abreiste, wurde mein Wagen von einem Zug aufgehalten: es war die Universität, die einer Leiche - 13 -

Termékadatok

Cím: Kinder- und Hausmärchen 1-2. [antikvár]
Kiadó: Verlagsgruppe Weltbild GmbH
Kötés: Fűzött keménykötés
Méret: 170 mm x 250 mm
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