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6STILKUNDE IST KEINE GEHEIMWISSENSCHAFTEine Gebrauchsanweisung für dieses BuchZu jedem Kunststil gehört eine recht genau bestimmbare Anzahl von ebenso genau definierbaren Bauelementen. Man könnte deshalb - um sich ein praktikables Hilfsmittel der stilistischen Einordnung zu schaffen - z. B. von einem typisch romanischen, gotischen oder Renaissance-Baukasten sprechen. Die Baumeister jeder Zeitepoche setzten, vereinfacht gesehen, die Einzelelemente zu immer neuen Kunstwerken zusammen. Temperament, landschaftliche und geistige Herkunft der Baumeister und natüriich die Gesetze der Statik sorgten dafür, daß von Fall zu Fall einzelne dieser vorgegebenen Bauelemente verworfen, andere hervorgehoben, variiert oder neue dazuerfunden wurden. Schon so erklären sich unterschiedliche Gesamteindrücke von Kunstwerken der gleichen Epoche.Ändert sich der Zeitgeist und wird - durch technischen Fortschritt und Geschmackswandlung - die Anzahl der veränderten oder neuentwickelten Bauelemente zu groß, so wandelt sich auch der Gesamteindruck des Kunstwerks. Man spricht dann der Einfachheit halber von einer neuen Phase eines Stils (z. B. Früh-, Hoch-, Spätgotik) oder von einem ganz neuen Stil (Romanik, Gotik, Renaissance usw.).Beim Übergang vom karolingischen zum romanischen Stil kann man diese organische Weiterentwicklung der Elemente und des Gesamtbildes eines Kunstwerkes besonders gut verfolgen. Der Stilwandel von der Gotik zur Renaissance war dagegen als Ausdruck eines Protestes gegen den überkommenen gotischen Zeitgeist viel abrupter: Mit voller Absicht wurde der bisher gültige Baukasten im wesentlichen verworfen und durch Vorbilder aus der Antike und durch Neuentwicklungen ersetzt. Der Gesamteindruck der Renaissance-Architektur erscheint hier als eine neue Interpretation der andken Formensprache. Wer also nach allen Gründen für die Wandlungen der Stile fragt, muß sich auch mit der Geistesgeschichte befassen. Denn natürlich geben die Veränderungen der Elemente allein noch keinen vollkommenen Einblick in die geheimnisvollen menschlichen und geschichtlichen Zusammenhänge, die im tiefsten hinter der Entwicklung der Kunst stecken: Ein neuer Stil entsteht, wenn ein veränderter Inhalt des geistigen Bewußtseins ihn fordert (Dehio).