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Vorwort.
Vor etwa 20 Jahren ist das bekannte Buch „Die Welt der vernachlässigten Dimensionen" von Wolf gang Ostwald1) erschienen. „Vernachlässigte Dimensionen" — so hat Wolfgang Ostwald die Kolloide seinerzeit apostrophiert, als die besonderen Erscheinungen dieser Dimensionen noch fremdartig wirkten und mit den Prinzipien der ihre Glanzperiode erlebenden physikalischen Chemie noch nicht vereinbart werden konnten. Zwei Jahrzehnte sind nicht viel in der Geschichte einer Wissenschaft. Insbesondere, wenn die Wissenschaft mit Vorurteilen und mit dem Zeitgeist zu kämpfen hat. Denn — wie bekannt — haben auch die Naturwissenschaften einen Zeitgeist, eine Mode, die nicht immer von dem Streben nach Erkenntnis der Natur diktiert wird und nicht immer einem gemeinschaftlichen Interesse dient
Es ist kein Zufall, es ist aber auch nicht irgendwelchem erkünstelten Zwang zuzuschreiben, daß innerhalb zweier kurzer Jahrzehnte aus der „Welt der vernachlässigten Dimensionen" die Welt der „nicht zu vernachlässigenden Dimensionen" geworden ist.
In der Kolloidik2) bestätigt sich wie wohl kaum in einer anderen Wissenschaft so ausgeprägt die Wahrheit, daß unsere Kenntnisse sehr wenig gefördert werden, wenn man in Verbindung mit neuen Tatsachen auf Kosten ausgereifter Theorien gewaltsam neue Theorien schaffen will und sich vor der Zeit in zu weitreichende Verallgemeinerungen einläßt. Anderseits ist verständlich, daß sich neue Erscheinungen nur dann in vollem Ausmaß erfassen lassen, wenn man sie nicht mit aller Gewalt in den Rahmen der bisherigen Kenntnisse hineinzuzwängen versucht.
Theorien sind gut, wenn sie zur Erkenntnis neuerer Gesetzlichkeiten führen und die Auffindung der Zusammenhänge zwischen den Erscheinungen ermöglichen. Wir müssen aber stets damit rechnen, daß die Theorien und Prinzipien auch falsch sein können. Die Ergebnisse der sorgfältig ausgeführten Experimente sind dagegen zeit- und wertbeständig. Nur ein derartiges, von Dogmen freies Forschungsprinzip kann wirklich fruchtbar und erfolgreich sein.
Dieses Prinzip hielt ich mir vor Augen, als ich in der vorliegenden Schrift eine kurze Übersicht über die wichtigsten Forschungsrichtungen und
Wo. Ostwald, Die Welt der vernachlässigten Dimensionen, 9. u. 10. Aufl. (Dresden 1927).
2) Das Wort „Kolloidik" stammt von K. Spiro; es ist ein Sammelname für Kolloidchemie und Kolloidphysik.