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Sexualität und der Tod Gottes
„Wir haben die Sexualität nicht befreit"' - so schreibt Michel Foucault in einem Text, den wir heute als kritischen Rückblick auf die Zeit und die Ereignisse lesen, die unter dem Begriff Sexuelle Revolution gefaßt werden. Foucaults Text aber ist in Wirklichkeit ein Vorgriff - ein profanes prophetisches Wort aus dem Jahr 1962, dem Todesjahr Batailles: „Wir haben die Sexualität nicht befreit, sondern wir haben sie an die Grenze getrieben." Die Grenze, von der Foucault spricht, ist mehr als nur die normative Grenze des Erlaubten, die Sexualität in die Gesellschaft einordnet und ein bestimmtes Bild des Menschlichen vom Animalischen trennt. Es ist die Grenze „in uns", die Möglichkeit und Notwendigkeit, „uns selbst als Grenze zu bezeichnen"^. Foucault bezieht sich hier auf Batailles Begriff der Grenze: Es war Bataille, der das „Wechselspiel von Verbot und Übertretung"\ von Grenze und Grenzüberschreitung als konstitutives Moment menschlicher Erfahrung entworfen hat; dieses Wechselspiel ermöglicht gleichermaßen Erfahrungen des Heiligen und des Erotischen, die beides Erfahrungen der „Kontinuität"" sind, Erfahrungen von Transzendenz. Wenn nun der Mensch selbst zu der Grenze wird, an der Transzendenzerfahrung sich kristallisiert, dann bleibt diese Verschiebung nicht ohne Konsequenzen:
Das Wort, welches wir der Sexualität erteilt haben, ist durch Zeit und Struktur dem verwandt, mit dem wir uns selber den Tod Gottes verkündet haben."'
Daß der Sexualität das Wort erteilt wurde und wir ihr das Wort erteilt haben, erfaßt mit großer Deutlichkeit, was im letzten Drittel unseres Jahrhunderts geschehen ist: Sexualität wurde aus dem Diskurs der (Moral-)Theolo-gie und dem Diskurs des bürgerlichen Verhaltenskodex herausgelöst und neu in Sprache gefaßt. Die Herausbildung der Sexualwissenschaften seit Beginn dieses Jahrhunderts, die Lösung der als natürlich gedachten Verbindung von Sexualität und Ehe und Sexualität und Fortpflanzung imd die mediengesteu-
1 Michel Foucault: Vorrede zur Überschreimng. In: Ders.: Von der Subversion des Wissens, Frankfurt / M. / Berlin / Wien 1978, S. 32-53; S. 32.
2 Ebd. S. 33.
3 Georges Bataille: Der heilige Eros, Frankfurt / M. / Berlin 1986, S. 67.
4 Vgl. ebd. S. 15.
5 Michel Foucault: Vorrede zur Überschreitung, a.a.O., S. 33.