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Dr. Hermann Lübbe - Kulturbrief Januar 1975 [antikvár]
 
Im BlickpunktAuf der Suche nach WirklichkeitEin internationales Kolloquium über Ethik, Ästhetik und Dramaturgie des Dokumentarfilms", das im Herbst letzten Jahres im Rahmen des Filmfestivals in Nyon stattfand, wurde vom Generalsekretär des Internationalen Verbandes der Dokumentaristen mit einer Bestandsaufnahme eingeleitet, die wir leicht gekürzt wiedergeben. Gibt es Dokumentarfilm? Der Erfinder des Wortes documen-tary", John Grierson, der grand old man" des englischen Dokumentarfilms, verwendete es aus taktischen Gründen. Er meinte, daß...
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Im BlickpunktAuf der Suche nach WirklichkeitEin internationales Kolloquium über Ethik, Ästhetik und Dramaturgie des Dokumentarfilms", das im Herbst letzten Jahres im Rahmen des Filmfestivals in Nyon stattfand, wurde vom Generalsekretär des Internationalen Verbandes der Dokumentaristen mit einer Bestandsaufnahme eingeleitet, die wir leicht gekürzt wiedergeben. Gibt es Dokumentarfilm? Der Erfinder des Wortes documen-tary", John Grierson, der grand old man" des englischen Dokumentarfilms, verwendete es aus taktischen Gründen. Er meinte, daß es auf Geldgeber eine beruhigende Wirkung haben würde, verhehlte aber nie, daß der Dokumentarfilm keine objektive Darstellung der Wirklichkeit geben könne, und strebte sie auch gar nicht an. Für ihn war der Dokumentarfilm kein Spiegel, sondern ein Meißel, ein Werkzeug zur Veränderung der Wirklichkeit. Er verlangte vom Dokumentaristen eine schöpferische Behandlung aktuellen Geschehens". Einen reinen" Dokumentarfilm, ohne Ansichten und Absichten, gibt es nicht. Dokumentaristen, die behaupten, daß sie lediglich beobachten, daß ihre Kamera der Reporter sei und die Wirklichkeit so zeige, wie sie ist, vergessen, daß hinter jeder Ka-mera ein IVIensch steht, der entscheidet, was gefilmt wird, und daß bei der Montage eine weitere und ebenfalls subjektive Auswahl vorgenommen wird.Deshalb ist es falsch, vom direkten Film" (direct cinema) zu sprechen. Zwischen der Wirklichkeit und dem Zuschauer stehen auch im Dokumentarfilm das Bewußtsein und das Temperament des Filmschöpfers. Auch wenn der Dokumentarist sich damit zu begnügen scheint, als Zeuge eine wahre Aussage zu machen, und sich um Sachlichkeit bemüht, ist er subjektiv. Menschen und Milieus in Dokumentarfilmen sind authentisch, und diese Authentizität gibt dem Dokumentarfilm eine zusätzliche Qualität. Der Dokumentarist reproduziert aber nicht die äußere Wirklichkeit, sondern stellt eine neue Wirklichkeit her, durch die von ihm geschaffenen neuen Bezüge. Jede filmische Darstellung einer Wirklichkeit enthält eine Interpretation und will Einsichten vermitteln, die das Bewußtsein des Zuschauers verändern wollen. Die Aufwertung des Sachbuches gegenüber der Belletristik hat noch nicht auf den Dokumentarfilm abgefärbt. Viele Filmfestivals werfen dem Dokumentarfilm eine Zwangsjacke um, indem sie Dokumentarfilme im

Termékadatok

Cím: Kulturbrief Januar 1975 [antikvár]
Szerző: Dr. Hermann Lübbe , Erwin Leiser Günther Gottmann
Kiadó: Inter Nationes e. V.
Kötés: Tűzött kötés
Méret: 130 mm x 210 mm
Dr. Hermann Lübbe művei
Erwin Leiser művei
Günther Gottmann művei
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