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Vom Sehen
Wir sind von Formen aus den verschiedensten Epochen und Ländern umgeben. Einige unserer Gebrauchsgegenstände sind sehr alt. Ein Ding lebt länger als Mcnschcn und eine Form wiederum viel länger als das Ding selbst. Tausend Jahre sind kein Alter für eine Form. Da ich in diesem Buch den Vcrsuch gcmacht habe, die Grundzüge im Ausdruck der wechselnden Zeiten zu zeichnen, so habe ich die Darstellung durch Beispiele aus der bildenden Kunst illustriert, um dem Leser einen Einblick in die Werkstatt, in der mit Form und Farbe gearbeitet wird, zu vermitteln. Die bildenden Künstler sind gewissermaßen die Augen der Menschheit. Der Geist, der in einer jeweiligen Epoche der Gesellschaft, durch die er hervorgerufen wird, wirkt, ist im vollendetsten Kunstwerk, aber auch im Aussehen der am geringsten geachteten Gebrauchsgegenstände des Alltagslebens zu spüren. Die Sixtinische Madonna und die Venus von Milo gehören einer anderen Welt an als der, in der wir tagaus, tagein leben. Derselbe Geist, der seinen komplizierten und verfeinerten Ausdruck in großen Kunstwerken gefunden hat, ist auch ganz schlicht und unmittelbar in tausenderlei Dingen zu spüren, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, seien es Gerätschaften oder Häuser, Bekleidungsgegenstände oder Transportmittel, Stadtpläne oder Tafelgcrät, Möbel oder Maschinen, Frisuren oder Brückenkonstruktionen.
Man faßt die Ausdrucksart einer bestimmten Epoche auf allen Gebieten in ein Ganzes zusammen, das man den Stil dieser Zeit nennt. Das Wort ,,stilus" bedeutet ursprünglich ein Schreibgerät, und man kann in gewissem Sinne die Handschrift einer Zeit ihren Stil nennen. So wie Schü-Icr desselben Schreiblehrers ungefähr die gleiche Handschrift aufweisen können, haben Menschen
eines Landes oder einer Epoche in ihrer gesamten Ausdrucksart etwas Gemeinsames. Mögen sie ihre Briefe mit Gänsefedern auf Pergament schreiben oder mit Holzstäbchcn auf Tontafcln eingraben, mögen sie diese mit Bleistift, mit einer Füllfeder oder auf der Maschine schreiben - die eine oder andere charakteristische Art muß der Briefschreiber oder seine Maschine ausdrücken, eine Eigenart, die allem, was die Menschen schaffen, gemeinsam ist. Die eine oder andere Form muß sie aufweisen, und die, welche sie erhält, ist nicht zufällig, sondern von Zeit und Ort bedingt. Vom praktischen Gesichtspunkt aus gesehen heißt es: Zu welchem Zweck kann das Ding gebraucht werden? Dann kann es gleichgültig sein, welche Schrift angewendet wird, wenn man sie nur lesen kann. Doch bei ästhetischer Betrachtung fragen wir uns: Welchen Eindruck macht sie auf mich? Es ist dann gerade die Schrift selbst, auf die man achtet. Stil ist die Formschrift einer Epoche und eines Volkes. Kann man ihn deuten, dann beginnen die Dinge zu reden. Die Stilgeschichte ist nicht ein langweiliges Schema von Mustern und Ornamenten, sondern die Geschichte vom sichtbaren Ausdruck der Erlebnisse der Menschen im Größten und im Kleinsten. Wir studieren ihn an den verschiedenen Klangfarben der Stimmen der einander ablösenden Gesellschaftsordnungen und lesen so ihre Handschriften. Wir tun es, nicht um ihn nachzubilden, und keineswegs, um mit der Aufzählung von Namen oder Titeln Eindruck zu machen, sondern um die Welt, die wir zum Erbe bekommen haben, zu verstehen und in ihr zu wirken.
Es gibt durchaus nicht so wenig Farbe und Licht in der Welt, wie manche Maulwürfe glauben. Auch braucht man nicht den Himmel zu stürmen und ihm seine Sterne zu entreißen. Der Tautropfen spiegelt sie wider.
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