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EINFÜHRUNG IN DAS SCHAFFEN BEETHOVENS
VON DR- THOMAS-SAN-GALLI
BEETHOVEN — dieser Name bedeutet einen Begriff für uns, er gibt uns | ein Bild. Auch wenn wir des Mannes Lebensgeschichte nicht kennen, stellen wir uns unter dem Namen Beethoven etwas Bestimmtes vor. Obwohl bald 150 Jahre seit des Meisters Geburt verstrichen sein werden und um ein kleines darnach der 100. Todestag gefeiert werden muß, beschäftigt dieser Musiker nicht etwa bloß die Launen einiger Liebhaber und die Köpfe der Gelehrten, sondern ebenso unaufhörlich das Herz seines Volkes, ja der Völker.
Beethoven ist neben einem Bismarck oder Napoleon eine der wenigen überragenden Persönlichkeiten, die zu legendarischen Wesen werden. Diese Helden wachsen nach ihrem Tode und ihre Namen werden von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben. Als leuchtende Vorbilder stehen sie vor uns. Bedenken wir, was das bei einem Musiker heißt. Die Legende, die Geschichte, wie sie im Munde des Volkes lebt, beschäftigt sich meist mit Männern der Tat, wie es eben Bismarck und Napoleon waren, weit seltener mit Dichtern und Denkern oder gar Musikern. Freilich noch ein überragender Geist, ein Dichter steht aus derselben Zeit, da Beethoven lebte, heute riesengroß vor uns: Goethe. Er ist Unzähligen Vorbild geworden.
Daß ein Beethoven zum Vorbild werde, dem wir nacheifern, kann sich nicht so leicht durchsetzen — denn es handelt sich eben um einen Musiker. Und noch ein Unterschied ist da im Vergleich mit dem großen Dichter: Goethe war ein vollkommener Mensch, also ein Vorbild allen Glücklichen, Wohlgeratenen, Beethoven aber hatte ein herbes Geschick, er kann als Vorbild vorleuchten allen denen, die das Schicksal züchtigt, denn er hat dem Schicksal in den Rachen gegriffen, hat sich nicht niederbeugen lassen. Das Vorbildliche des Beethovenschen Lebenswandels, in dem Leben eines Tonkünstlers, liegt auf dem Gebiet der Entwicklung des inneren Menschen — nicht nur in seinem Leben, sondern vor allem auch in seinen Werken hat Beethoven eine unerhörte Seelenkraft gezeigt: Unaufhaltsam ist dieser Aufstieg seiner Seele von der Erde empor zu den Sternen. Nur wer Beethovens Wesen und Werke kennen gelernt, wird ganz verstehen, daß und wie sehr es da heißt: per aspera ad astra.
Wir müssen also den Begriff Beethoven, den wir uns so von ungefähr gebildet, den wir sozusagen aus der Luft gegriffen, auf seinen wahren Gehalt hin prüfen, müssen uns ein Bild des historischen Beethoven nach seinem Wesen und seinen Werken zu entwerfen versuchen.
Beethoven legte keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Schon als Knabe still und in sich gekehrt, in Phantasien brütend, konzentrierte er sich später, nament-
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