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Einführung
Henri de Toulouse-Lautrec zählt heute zu den beliebtesten Malern des 19. Jahrhunderts; die Geschichte seines kurzen Lebens — er starb 1901 im Alter von 37 Jahren — ist zu einem sensationellen und wenig wahrheitsgetreuen Roman aufgebauscht und auch verfilmt worden. Dieses große Interesse an der Person des Künstlers scheint durchaus verständUch, bilden doch seine Herkunft, sein Charakter und sein Schicksal eine geradezu ideale Fundgrube für Anekdotenjäger aller Art.
Lautrec entstammte einem alten Adelsgeschlecht und wurde infolge zweier bedauernswerter Unfälle schon in seiner Kindheit zum Krüppel. Er war ein entschiedener Freund der Bordelle, der chronischen Trunksucht verfallen — und im übrigen ein Künstler von einer beachtlichen Begabung, die ihn das nächthche Paris in seiner bizarren Vielfalt in zahhreichen eigenwilligen und kühnen Bildern wiedergeben ließ.
Ungeachtet seiner erzkonservativen Abstammung — der exzentrische Vater, Graf Alphonse, sah mit Mißfallen den Famihennamen zur Signierung der Bilder seines Sohnes herabgewürdigt — hegte Lautrec eine erfrischende Vorliebe für alles Moderne. Sein Werk bestätigt, wie wichtig ihm das Leben schien, und unterstreicht seine Begeisterung für die damals beliebten Sänger und Tänzer, die neu aufkommenden Radrennen sowie das Plakat als modernes Kunstmittel. Nicht weniger schätzte er ein zu seiner Zeit neuartiges Getränk, den „cocktail", den er auf etwas zweifelhafte Art zusammenbraute. Davon wußten die Gäste der berühmten Einweihungsparty bei A. Natanson ein Lied zu singen.
Lautrecs Bekenntnis zur aktuellen Darstellung bedeutete allerdings kein Novum für Frankreich. Er folgte damit nur der bereits von Baudelaire geistig vorbereiteten und von Begas und Forain realisierten Entwicklung; für beide Maler hegte Lautrec höchste Bewunderung. In seinem Fall ist die Wurzel für sein Gegenwartsstreben wohl in seiner triebhaft besessenen Natur zu suchen. Es drängte ihn, zum menschlichen Kern vorzudringen, der seine Schöpferkraft so mächtig anzog. Man kann ihn in gewissem Sinne als einen verhinderten Jäger bezeichnen, der sein Revier in die Stadt mit ihrem nächtlichen Treiben verlegt hatte. Im wesentlichen verbrachte er seine Zeit damit, sich an seine Modelle heranzupirschen und jede ihrer Bewegungen zu beobachten. So zeigt auch seine verzauberte Begegnung mit der Schauspielerin Marcelle Lender (Tafel xlviii) die Jägernatur dieses Meisters.