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Der Brief irritierte mich.Es gab mehrere Gründe dafür.Mein Anteil am postalischen Verkehr liegt weit unter dem im Statistischen Jahrbuch der DDR ausgewiesenen Durchschnitt pro Bürger der Republik. Da ich Geburtstage meiner Umwelt trotz guter Vorsätze und diverser Kalendermahnsysteme - die meist nicht funktionieren, weil ich sie unauffindbar verlege - so gut wie nie berücksichtige, reagiert diese Umwelt logischerweise seit langem ebenso, und so blieben ein paar Kartengrüße von Unermüdlichen und Routinepost, die schon durch Vordruck-Umschläge und Faktura-Aufschriften leicht erkennbar ist, das einzige, was sich neben den Zeitungen in meinem Briefkasten verliert.Dieser Brief also trug schon auf den ersten Blick ein Außenseitertrikot. Die Adresse war in steiler Schrift eher gemalt als geschrieben, und als ich ihn schließlich mißtrauisch zur Hand nahm, um nach dem Absender zu fahnden, nahmen meine Zweifel noch zu: Schwester Rosemarie Wildhagen, Robert-Koch-Krankenhaus, Station IV.Mit einer Rosemarie hatte ich einst denkbar schlechte Erfahrungen gemacht, so schlechte, daß ich allen Frauen dieses Vornamens lange voller Argwohn aus dem Wege gegangen war. Um den Leser nicht im dunkeln zu lassen: Diese Rosemarie und ich hatten uns mit Hingabe geliebt, bis ihre Eltern dahinterkamen und mich - rein politisch betrachtet - als unrechten Umgang für ihre Tochter befanden, was diese Rosemarie zu meinem Entsetzen mit einem müden Achselzucken akzeptiert hatte.Allerdings war mir klar, daß jemand mit solcher Grundhaltung wohl kaum als Schwester auf der Station IV eines Krankenhauses hatte landen können.Aber kam der Brief wirklich aus einem Krankenhaus? Ich beroch ihn und stieß auf untrügliche Spuren jenes oft beschriebenen Geruchsgemischs aus Jod, Karbol und kaltem Schweiß, das Krankenhauskorridore erfüllt.Was hatte mir eine Rosemarie aus einem Krankenhaus zu schreiben? Ich griff zur Zeitung. Den Brief wollte ich frühestens nach deren gründlicher Lektüre öffnen, was mir das Gefühl in-