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Vorwort
Leben trotz Geschichte - unter diese drei Wörter Iäl3t sich Leszek Kolakowski nur mit sanfter Gewalt zwingen, und doch kennzeichnen sie ihn und sein Werk wie kaum drei andere, wobei man getrost das Verbindungswort trotz auch als Hauptwort Trotz setzen könnte.
In der Abenddämmerung des Kalten Krieges - 1957 - schrieb der dreißigjährige Philosoph in der Warschauer Zeitschrift Nowa Kultura den Essay Verantwortung und Geschichte. Es war noch kein Jahr seit dem polnischen Frühling im Oktober verstrichen, in dem er das Idol der Studenten und ein Sprecher des Volkes geworden war. Im Westen konstatierten wir überrascht und ein wenig verwirrt, daß in einem System, über dessen totalitären Charakter und dessen Unerbittlichkeit uns Philosophen wie Karl Jaspers und Hannah Arendt so eindringlich belehrt hatten, Stimmen wie Leszek Kolakowski zum Wort und mehr noch zum Druck kommen konnten. Verwirrt war vor allem der westdeutsche Bürger. Ihm war der Ostberliner 17. Juni 1953 Bestätigung für Hannah Arendts These von der Allmacht totalitärer Systeme und für Karl Jaspers' These »Lieber tot als rot« in Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit, mit seiner Alternative von Menschheitstod durch Atomkrieg oder kommunistischer Weltsklavenherrschaft.
Um Kolakowskis damalige Wirkung im Westen zu verstehen, muß man sich an solche Zusammenhänge erinnern. Um den Kolakowski des Jahrzehnts davor zu verstehen, muß man sich an Faschismus und Nationalsozialismus, an Zweiten Weltkrieg und »slawisches Untermenschentum«, an die Ausrottung der polnischen Intelligenz - Kolakowskis Vater war eines der Opfer -, an die Befreiung Polens durch die Rote Armee, an die Teilung der Welt in Jalta imd Potsdam, an die Zerstörung und Zerstückelung Deutschlands und vor allem an den Eisernen