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VORWORT
Obwohl christliche Aszese so alt ist wie das Christentum, war es doch dem zweiten Jahrtausend vorbehalten, Aszetik als selbständige theologische Disziplin auszuarbeiten, und dem laufenden Jahrhundert, sie in steigendem Maße als eigenes Lehrfach dem theologischen Bildungsgang einzufügen. Dieser Entwicklung möchte das vorliegende Buch dienen, das sowohl aus langjähriger Lehrtätigkeit wie aus mannigfacher Erfahrung in Leben und Leitung hervorgegangen ist.
Immerhin will der Versuch nicht mehr Erwartungen wecken, als er gemäß seiner Eigenart zu erfüllen imstande ist. Eine Aszetik als theologisches Lehrbuch darf nicht alle Vorzüge anstreben, die man sonst an aszetischen Schriften mit Recht hochschätzt. Sie muß, weil Theologie, sich vorwiegend an die Erkenntnis, nicht unmittelbar an Gemüt und Phantasie wenden. Sie muß, weil Lehrbuch, den fast unübersehbaren Stoff auf engsten Raum mit knappem Ausdruck zusammendrängen und auch, um ihn übersichtlich darzustellen, das Gedankengerippe eher hervortreten lassen als überkleiden. Das alles pflegt man nicht von Erbauungsbüchern zu erwarten.
Eine theologische Aszetik ist auch nicht ohne weiteres auf das Leben zugeschnitten. Sie erwähnt vollständig alles, was unter das Formalobjekt fällt, nicht bloß das, was bei der einen oder andern Seele zutrifft und was für eine jede Seele, unter Beiseitelassung von vielem, aus der Fülle des Möglichen ausgewählt werden muß. Sie bespricht ferner nicht bloß das Wesentliche und Entscheidende, sondern auch viel Nebensächliches, obwohl sie sehr gut weiß, daß man, um in Wirklichkeit heilig zu werden, keines ausführlicheren Leitfadens bedarf als der Bergpredigt oder des 12. Kapitels des Römerbriefes, und daß, wo man die dort geforderte Hingabe nicht leisten will, alle Folianten aszetischer Weisheit nichts nützen. Aszese ist weit einfacher, obgleich weit schwerer als Aszetik.
Noch auf eine andere Lebenswahrheit muß hingewiesen werden. Wir betonen zwar wiederholt, daß die Gnade Gottes A und Z für das Vollkommenheitsstreben ist. Nur sagen wir, wie auch die Moral, es nicht bei jedem Abschnitt wieder. Aber wir möchten es immer und jedesmal sagen; denn die Gnade Gottes, unser Ringen um sie, unsere Folgsam-keit gegen sie, gehören jedesmal und unerläßlich, grundlegend und krönend dazu.