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Lesen - Darstellen - Begreifen [antikvár]

 
Die Uhr schlug eben neun. Paul saß hinter dem Ofen an einem kleinen runden Tische und las eine Räubergeschichte, in deren Besitz er kürzlich auf einer Auktion gekommen war, weil er sie auf eine Nachtmütze mit in den Kauf hatte nehmen müssen. Wenn er eine Seite des Buches beendigt hatte, befühlte er jedesmal den Ofen und zog 5 die Hand dann kopfschüttelnd zurück; als guter Hauswirt wollte er vor dem gänzlichen Erkalten des Ofens nicht zu Bette gehen, und dieser hielt noch immer einige Wärme fest. Zu seinen Füßen, träge in einen...
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Bővebb ismertető
Die Uhr schlug eben neun. Paul saß hinter dem Ofen an einem kleinen runden Tische und las eine Räubergeschichte, in deren Besitz er kürzlich auf einer Auktion gekommen war, weil er sie auf eine Nachtmütze mit in den Kauf hatte nehmen müssen. Wenn er eine Seite des Buches beendigt hatte, befühlte er jedesmal den Ofen und zog 5 die Hand dann kopfschüttelnd zurück; als guter Hauswirt wollte er vor dem gänzlichen Erkalten des Ofens nicht zu Bette gehen, und dieser hielt noch immer einige Wärme fest. Zu seinen Füßen, träge in einen Knäuel zusammengerollt und laut schnarchend, lag sein Hund, ein wohlgenährter, weißgefleckter Pudel, der sein Fett weniger der Freigebigkeit seines Herrn, als seiner diebischen Gewandtheit in Metzgerbuden 10 verdankte. Wenn Paul im Buche an ein Kapitel kam, das ihn wenig interessierte, oder wenn er in die spärlich unterhaltene Lampe, die alle Augenblick zu erlöschen drohte, ein paar Tropfen öl gießen mußte, so bückte er sich wohl zu dem Hund nieder, ließ denselben, vielleicht weil er ihn um seinen frühen Schlaf beneidete, allerlei Künste machen, Schildwache stehen oder den unfreiwilligen Toten spielen, brach ihm zuweilen 15 aber auch ein Stück Brot ab und belohnte ihn damit für seine Folgsamkeit. Die Uhr schlug halb zehn. Paul stand auf, um sich zu entkleiden, da klopfte es ans Fenster. „Komm herein", rief Paul, in dem Klopfenden einen Straßenbuben vermutend, der ihn necken wollte, „dann kannst du hinaussehen!" Draußen ward gelacht und noch einmal geklopft. Ärgerlich blies Paul die Lampe aus und schlug sein Bett zurück. „Mach auf, 20 ich bins!" rief jetzt eine bekannte Stimme. „Du noch, Bruder Franz?" entgegnete Paul, „was willst du denn so spät?" Verdrießlich suchte er sein Feuerzeug, zündete die Lampe wieder an und öffnete die Türe. „Du mußt noch zur Stadt", sagte der Bruder eintretend und legte einen großen Brief auf den Tisch, „wir haben im Amt alle Hände voll zu tun, ich werde die ganze Nacht am Pult zubringen müssen!" „Das ist nicht dein 25 Ernst!" versetzte Paul und schaute seinen Bruder mit einem naiven Lächeln an. Er besorgte bei Tage für das Amt, wo sein Bruder Schreiber war, recht gern einen Brief, denn er erhielt einen guten Botenlohn, aber in der Nacht war das noch niemals vorgekommen und er hatte keine Lust, statt zu Bette zu gehen, im Finstern einen Weg von zwei Meilen zu machen. „Wie sollte es nicht mein Ernst sein!" entgegnete der Bruder; 30 „mach hurtig, die Sache hat Eile und kein Augenblick ist zu verlieren!" „Spute dich, Paul!" rief die Mutter, die einer Erkältung halber schon seit einer Stunde im Bette lag; „das kommt uns trefflich zustatten, denn morgen ist Markttag!" „Such dir einen andern Boten", sagte Paul nach einer Pause halb leise, „ich gehe nicht!" Der Bruder, der sich gefreut hatte, Paul den kleinen Verdienst zuwenden zu können, wurde gereizt. 35 „Du sollst!" rief er mit Heftigkeit; „wer das Geld bei Tage verdienen will, der muß auch nachts bei der Hand sein!" „Tu, was du willst!" erwiderte Paul mit großer Ruhe; „es sollte mich wundern, wenn du mich so weit brächtest." Er trat an den Tisch und blätterte in dem Räuberromane; mitunter warf er einen scheuen Blick auf den Bruder. Dieser schwieg eine Weile still, dann sagte er: „Ich werde den Bettelvogt zu dir 40 schicken!" und wollte fortgehen. Der Bettelvogt war ein Mann, den Paul fürchtete, weil er den Umfang seiner Macht nicht kannte; er vertrat seinem Bruder daher den Weg und sprach: „Franz, sei nicht unvernünftig, du würdest es eben so wenig tun, wie ich!" Jetzt regte sich die Mutter wieder in ihrem Bett. „Junge!" rief sie zornig, „wem gleichst du nur! Deinen Vater verdroß keine Mühe, und auch ich, so alt ich bin, rühre 45 mich wie ich kann. Du aber kommst vor Faulheit um!" „Faulheit?" versetzte Paul ärgerlich und stellte seine Pfeife, die er bisher noch nicht hatte ausgehen lassen, vor das

Termékadatok

Cím: Lesen - Darstellen - Begreifen [antikvár]
Kiadó: Hirschgraben-Verlag
Kötés: Varrott keménykötés
ISBN: 345421341X
Méret: 170 mm x 230 mm
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