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Marie Louise Fischer - Liebe meines Lebens [antikvár]
 
Ich werde den i. Mai 1945 nicht vergessen. Der Personenzug zuckelte durch das flache Mecklenburger Land, ein Zug, der in keinem Fahrplan mehr stand, sondern nur immer weiter nach Westen fuhr, solange die Kohlen reichten. Ich selbst hockte auf meinem Koffer, den Rucksack zwischen den Knien, mit längst erstarrten Gliedern, denn ich war so eingezwängt, daß ich mich nicht rühren konnte. An dem Rücken des alten Mannes vorbei, der zwischen mir und dem Fenster stand, sah ich den hellen Himmel vorüberhuschen. Die Lokomotive wurde langsamer...
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Ich werde den i. Mai 1945 nicht vergessen. Der Personenzug zuckelte durch das flache Mecklenburger Land, ein Zug, der in keinem Fahrplan mehr stand, sondern nur immer weiter nach Westen fuhr, solange die Kohlen reichten. Ich selbst hockte auf meinem Koffer, den Rucksack zwischen den Knien, mit längst erstarrten Gliedern, denn ich war so eingezwängt, daß ich mich nicht rühren konnte. An dem Rücken des alten Mannes vorbei, der zwischen mir und dem Fenster stand, sah ich den hellen Himmel vorüberhuschen. Die Lokomotive wurde langsamer und pfiff. Wir fuhren durch eine Station. Der Lokomotivführer dachte nicht daran, zu halten, denn der Zug war so besetzt, daß nicht einmal ein Kind sich noch hätte hineinquetschen können. »Bredenfelde«, sagte der alte Mann am Fenster. Dann waren wir auch schon vorbei und gewannen wieder an Fahrt. »Mutter, ich muß mal!« greinte ein kleines Mädchen. »Sei still! Das geht jetzt nicht. Du mußt warten, bis wir wieder Aufenthalt haben.« »Aber ich kann nicht mehr!« Ich hielt mir die Ohren zu, denn ich wußte, was jetzt kam. Lieber noch hätte ich mir die Nase zugehalten, aber ich hatte Angst, die Mitreisenden gegen mich aufzubringen. Ich nahm es dem Kind ja auch nicht übel, daß es nicht länger an sich halten konnte. Die Gänge waren völlig verstopft und die Toiletten so besetzt wie die Abteile. Fünf Stunden war es her, daß der Zug zuletzt auf freiem Feld gehalten hatte, lange genug, daß wir uns die Füße vertreten, unsere Notdurft verrichten und einige sich sogar an kleinen Feuern Tee oder Suppe wärmen konnten. Ich gehörte zu denjenigen, die nichts zu kochen gehabt hatten. Mehr als der Gestank im Abteil, jener unvergeßlich penetrante Geruch nach Urin, Schweiß, Angst, Erbrochenem und schlechter Seife, quälte mich der Hunger. Die Frau, die mir gegenüber auf der hölzernen Bank saß, schnitt Brot von einem runden Laib für ihre Kinder. Ich wagte nicht hinzuschauen. Einmal - wie lange war das jetzt schon her? - hatte sie auch mir mitleidig eine Scheibe gegeben. Aber seitdem war der Brotlaib immer kleiner geworden und das Ende der Fahrt noch nicht abzusehen. Ich verstand vollkommen, daß sie mir zuliebe ihren Kindern nichts abgehen lassen konnte. Deshalb blickte ich starr an dem Rücken des alten Mannes vorbei auf den seidigblauen Himmel hinaus. Sie sollte sich nicht beobachtet fühlen und meinetwegen ein schlechtes Gewissen bekommen. Wieder verlangsamte der Zug merklich sein Tempo. »Das kann doch noch nicht Stavenhagen sein«, sagte jemand. Der alte Mann beugte sich hinaus. »Weit und breit nichts zu sehen!« Die Lokomotive stieß fünf schrille, kurze Pfiffe aus. Wir alle wußten, was das bedeutete: Fliegeralarm! Der Zug hielt mit einem Ruck, der mich mit der Stirn gegen die Knie der vor mir sitzenden Frau warf. Schreie gellten und Flüche. Alles drängte zum Ausgang. Der alte Mann kletterte umständlich aus dem Fenster. Ich bekam Luft und konnte mich aufrichten. Aber meine eingeschlafenen Gheder gehorchten mir nicht gleich. Zwei Frauen drängten mich beiseite, stiegen aus und reichten einander die Kinder nach. Dann war ich an der Reihe. Ich ließ meinen schwarzen Lederersatzkoffer so sachte wie möglich auf den Bahndamm fallen und kletterte ihm, den Rucksack auf dem Rücken, nach. Ich stürzte auf die Steine, . zerschrammte mir die Knie, rappelte mich wieder auf, packte meinen Koffer beim Griff und stolperte voran. Die Lokomotive war schon abgekoppelt und raste davon. Die Waggons des Personenzuges standen hilflos und unbeholfen da. In diesem Augenblick sah ich ihn zum erstenmal, einen mageren jungen Mann in feldgrauer Uniform, das Schiffchen schräg auf den braunen Locken, das Koppel eng geschnallt. Er nahm Gepäckstücke entgegen und half Frauen und Kindern aus der Abteiltür ins Freie. Flüchtig trafen sich unsere Blicke, dann hastete ich weiter und warf mich, schutzsuchend, neben die anderen in den Graben. Es war nicht der erste Tieffliegerangriff, den ich mitmachte. Wie ich es gelernt hatte, preßte ich das Gesicht auf den Boden und schlug die Arme über den Kopf.

Termékadatok

Cím: Liebe meines Lebens [antikvár]
Szerző: Marie Louise Fischer
Kiadó: Europäische Bildungsgemeinschaft Verlags-GmbH
Kötés: Fűzött keménykötés
Méret: 120 mm x 190 mm
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