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Liebenswerte Puppenwelt
Das Puppenspiel ist von den Göttern gesegnet, darum wird es nie sterben, heißt es in Indien. Der Europäer mag vielleicht lächeln über dies in ein so mythisches Gewand gekleidete und für unsere Begriffe ein wenig pathe-tisdie Wort, dodi wird ihm das darin enthaltene Kömdien Wahrheit verständlidi werden, sobald er einen Blidi auf die Geschichte des Puppenspiels wirft. Unwillkürlidi wird er sich fragen, wie es denn möglich war, daß diese bescheidene Volkskunst - im Gegensatz zu vielen anderen — Kriege, Pest, Hungersnöte und ganze Zeitumbrüche überdauern konnte und jung und frisch blieb wie am ersten Tag, daß sie sich aus niederen Regionen zu einer dem großen Theater fast ebenbürtigen Kunstgattung emporschwingen konnte. Und er wird begreifen, daß mit dem »Segen der Götter« die urtümliche Kraft des Puppenspiels gemeint ist, das tief im Volkstum wurzelt, genährt vom lebenerhaltenden Quell eines immerwährenden schöpferisdien Gestaltungstriebs und Ausdruckswillens, der zur Darstellung drängt und immerzu neue, liebenswerte Blätter und Blüten hervorbringt.
Das Puppenspiel ist eine uralte Kunst, ja, man sagt, die Puppe wäre der älteste Schauspieler der "Welt, das Theater der Puppen habe dem Mensdientheater zum Vorbild gedient. Ob dies zutrifft, wird schwer zu entscheiden sein, es besteht aber kein Zweifel, daß schon im Altertum, vor etwa zweieinhalbtausend Jahren, siA die Menschen am Puppenspiel erfreuten. Auch im Mittelalter, das bezeugen viele Quellen, war es eine gern gesehene Belustigung für arm und reich. Und wiederum einige Jahrhunderte später, in der Zeit der Perüdcen und Reifröcke, hatte seine Beliebtheit bereits so zugenommen, daß es zu einem ernsten Konkurrenten des Menschemheaters wurde. Vor zweihundert Jahren konnte der kleine Johann Wolfgang Goethe die alljährlich auf dem Frankfurter Liebfrauenberg aufgebauten Puppentheater bewundern; zu Hause spielte er dann
selbst Theaterdirektor und gab auf der ihm von der Großmutter geschenkten Marionettenbühne Vorstellungen für seine Freunde. Auch Friedrich Schiller, später Ridiard'Wagner und viele andere groi5e Männer vergnügten sich als Kinder mit solchen Heimtheaterdien. Unsere eigenen Urgroßväter und Großväter fanden an den Späßen und Sprüngen Kasperls ebensolchen Gefallen wie unsere Väter. Und wir selbst? Saßen nicht auch wir in der Jugend hin und wieder vor einer dieser herrlich geheimnisvollen Puppenbuden und bangten um das hölzerne Leben unseres Lieblings Kasperl? So spannt sich der Bogen des Puppenspiels über viele tausend Jahre hin, und bis heute hat das kleine Theater nichts von seinem Zauber eingebüßt. Unseren Kindern schenkt es in gleidiem Maße Freude und Glück wie einst den kleinen Wusdielköpfen im Leinenhäubchen oder unterm Dreispitz. Solange es fröhliche Menschen mit jungen Herzen gibt, wird das Puppenspiel leben. »Das wäre so recht das eigentliche deutsdie Volkstheater«, sagte vor mehr als hundert Jahren Nikolaus Lenau, als er daran dachte, eine Puppenbühne zu gründen. Selbst in unserer Zeit hat dies Wort noch seine Bedeutung, denn jahrtausendealter Humor, jahrhundertealte Tradition ist auch in den heutigen Puppentheatern noch lebendig. Allerdings hat sich seit jenen Tagen das Puppenspiel erhebhdi gewandelt. Wohl findet man hie und da auf Messen und Märkten noch Kasperlspieler vom alten Schlag und vielleicht, wenn man Glück hat, in entlegenen Dörfern einen wandernden Marionettenspieler. Ehrwürdiger Überliefe-ferung getreu spielen diese fahrenden Gesellen heute fast noch genauso wie ihre Vorfahren vor vielen hundert Jahren, - doch leben sie sozusagen sdion im Raritätensdirank. Das heutige Puppenspiel trägt das Antlitz seiner Zeit. Künstler gestalten die Figuren, Künstler entwerfen Kostüme und Szenerien, Künstlerhände bringen die kleine Welt zum Leben. Gehaltvolle, oft von Dichtern geschaffene
Stücke sind an die Stelle der alten pathetischen, mitunter bedenklichen Texte getreten. Komponisten schreiben die Musik. Häufig steht ein ganzer Stab von Technikern, Beleuchtern, Regisseuren und Helfern zur Verfügung, mandlmal sogar ein ständiger Thatersaal oder gar ein eigenes Theatergebäude - kurz, aus einer kaum mehr beacäiteten, fast vergessenen Volksunterhaltung ist, bei uns wie in der ganzen Welt, eine vollgültige dramatisdie Darstellungskunst geworden, die zusehends an Bedeutung gewinnt. Äußerlich hat diese Darstellungskunst vieles mit dem großen Theater gemein, im Kern aber ist sie von ihm doch sehr verschieden. Auf der großen Bühne verleiht ein Mensch, der Schauspieler, durch seine Interpretationskunst einem dichterischen Werk Leben und Wirklichkeit; primär wird die Persönlichkeit vom Text her bestimmt. Auf dem Puppentheater wird eine leblose Form beseelt; hier wird die Persönlichkeit zuerst von der Bewegung her bestimmt und erst in zweiter Linie vom Wort, auf das nicht selten überhaupt verzichtet wird. Ein Schauspieler kann auch ohne Bewegung, nur durch Sprache und Mimik, höchst eindrucksvoll agieren; eine Puppe ohne Bewegung wirkt tot, erst die Bewegung verleiht ihr Leben. Die Puppe ist von der Bewegung gänzhch abhängig, und das so stark, daß ihr Gang und ihre Gestik der kreierten Rolle weit mehr Charakteristik geben als das Wort. Im Gegensatz zum Schauspieler ist ihre Bewegung zudem keinesfalls an das Vorbild der Natur, an Lebenstreue, gebunden; ihr Bewegungsausdruck ist fast unbegrenzt. So braucht eine Marionette nicht unbedingt immer nur zu schreiten; wenn es ihrem Charakter und der Handlung entspricht, kann sie sich scJiwebend fortbewegen oder auch Riesensprünge machen. Ebenso vermag ihre Gestik, wenn es die Rolle zuläßt, Formen anzunehmen, deren der Schauspieler nicht fähig ist; ihr fällt es nicht schwer, ihre Gliedmaßen vollends zu verrenken. Auch ihre Kopfbewegungen können