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ERSTES KAPITELLIEBESBRIEF AN DIE EIGENE FRAUDu sollst nicht glauben, liebste Frau, daß ich dich weniger liebe als am ersten Tage. Es sieht wohl oft so aus. Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme, ist mein Gruß meist nicht sehr zärtlich, oft sogar mürrisch, manchmal vergesse ich ihn ganz und frage gleich nach dem Essen. Dann setzen wir uns an den Tisch, ich esse achtlos, was du mit vieler Mühe kochtest, ich lese dabei meine Zeitung, rede kein Wort und spreche oft den ganzen langen Abend nicht mit dir. Wir hören Radio, wir lesen, und wenn wir zusammen sprechen, so sind es immer nur die praktischen Dinge, um die es geht: daß der Junge neue Schuhe braucht, daß unsere Kleine nicht ganz gesund ist' ob wir den Doktor holen müssen oder nicht, und daß der Mann mit der Lichtrechnung da war. Eine gewisse Gereiztheit, eine Verstimmung liegt oft zwischen uns; glaub mir, Anna, sie bedrückt mich genau so wie dich, aber ich weiß nicht, woher sie kommt und was ich tun muß, ihr zu begegnen. Denn ich habe dich doch lieb, Anna, so lieb wie am ersten Tage, vielleicht sogar noch etwas mehr - ich möchte dir immer nur Gutes tun.Vor ein paar Tagen las ich einen Roman, in dem das Glück zweier verliebter junger Leute geschildert wurde. Sie fuhren in einem kleinen weißen Boot über einen blauen sonnigen See, die Bäume blühten und die zwei Verliebten küßten sich und waren sehr zärtlich miteinander. Ich wurde ein wenig traurig, Anna, als ich dies las, ich dachte an mein tägliches Einerlei und an die Küsse der andern - in dem Boot, auf dem See, unter den blühenden Bäumen - und beneidete den jungen Mann um sein Glück. Dann