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Unsere Zeit stellt an den Künstler die Forde-
rung, bewußt in seiner Gegenwart zu leben. Diese Forderung ist notwendig, nachdem es eine mehr als hundert Jahre dauernde Epoche gegeben hat, in der das Leben und Tun des Künstlers als unabhängig vom allgemeinen gesellschaftlichen Dasein seiner Umgebung angesehen wurde, als man Kunst um ihrer selbst willen zu treiben vermeinte. Dagegen hatten frühere Jahrhunderte den Künstler als dienendes Glied des Ganzen empfunden. So war in Bachs Zeit die Musik in den Residenzstädten Ausdruck der höfischen Repräsentation. In den Bürgerstädten war der Musiker als Stadtmusikant, Ratsgeiger, als Organist oder Kantor Beauftragter der Bürgerschaft. Man komponierte, weil die Lieferung neuer Gebrauchsmusik als Selbstverständlichkeit gefordert wurde. Alle jene Werke, die von der Musikgeschichte heute in Stil und Inhalt als Ausdruck ihrer Zeit betrachtet und gelobt werden, verdanken ihr Entstehen einer solchen Auftragsgebundenheit des Künstlers. Die strenge Ständegliederung des 18. Jahrhunderts brachte eine ebenso strenge Trennung innerhalb der einzelnen Kunstgattungen mit sich. Die Oper, anspruchsvollste Form des barocken Lebensausdrucks, diente fast ausschließlich der höfischen Repräsentation — einige Ausnahmen in politisch selbständigen oder durch Handel reich und unabhängiger gewordenen Städten, wie Venedig, Hamburg, Nürnberg oder Leipzig, bestätigen die Regel. Der bürgerlichen Repräsentation dienten Festkantaten, dem Musikbedürfnis städtischer Patrizier und Studenten Suiten und Konzerte für die Collegia musica, Kirchenkantaten und Orgelchoräle sowie die Turmmusiken der Ratstrompeter und die Tänze der bei den Festlichkeiten aufspielenden Kunstgeiger und „Bierfiedler". Von der Musik der Handwerksgesellen und Mägde in den Städten und gar von der bäuerlichen Musikübung nahm man keine Notiz: es war unwürdig, sich ernsthaft mit ihr zu beschäftigen.
Aber gerade aus ihr strömten die Quellen, die der Kunstmusik stets neues Leben zuführten. Auch jener Zeitabschnitt, den wir heute die musikalische Klassik nennen, wäre nicht denkbar ohne die ihn ständig erneuernde Berührung mit der schlichten Musik von Handwerkern und Bauern. Haydn nahm den kaiserlichen Vorwurf auf sich, ein „Spaßmacher" zu sein,
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