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MAGNUM UND DER FILM
Alain Bergala
Das früheste Photo von Dreharbeiten in diesem Buch (S. 90, es stammt von Rohert Capa) zeigt Alfred Hitchcoclc, der während der Dreharbeiten zu Notorious vorgebeugt aufmerlcsam Ingrid Bergmans Hand betrachtet. Ein durchaus klassisches, sorgfältig gearbeitetes, gut komponiertes Photo, das nichts Außergewöhnliches an sich hätte, trüge es nicht den Keim zu dem großen künftigen Abenteuer in sich, das die Agentur Magnum mit dem Film verbinden wird.
Capa ist zu diesem Zeitpunkt bereits sehr berühmt, wenn auch nicht für diese Art Bilder, sondern als Kriegsphotograph. Er hat im spanischen Bürgerkrieg den von einer Kugel hingemähten Soldaten photographiert wie auch die weltberühmten Photos von der alliierten Landung am 6. Juni 1944 geschossen. Das Kriegsende bedeutete für ihn Verunsicherung und Leere. Bereits 1941 hatte er einmal für eine Reportage in Life mit Hollywood zu tun gehabt, nun läßt er sich regelrecht hier nieder. Zwei Gründe hat er: einmal berufliche - er ist für 400 Dollar pro Woche von International Picture engagiert, soll seine Kriegserinnerungen aufschreiben, damit daraus ein Drehbuch gemacht werden kann -, aber auch private, Liebesgründe. Am 6. Juni 1945, genau ein Jahr nach der alliierten Landung, war in Paris Ingrid Bergman in seinem Leben »gelandet«. Im Juli hatte er sie in Berlin wiedergetroffen, wo er die Kriegsruinen photographierte. Im August begegnen sie sich wieder in Paris und verlieben sich ineinander. Während sie in die Vereinigten Staaten zurückmuß, zu ihrem Ehemann, faßt Capa den Plan, ihr nach Hollywood zu folgen, wo für Anfang 1946 die Dreharbeiten zu Notorious angesetzt sind. Um zum Drehort Zugang zu erlangen, bedient er sich einer für ihn typischen List und behauptet, er solle für Life eine Reportage über die Arbeiten machen - dabei hatte er bei der Zeitschrift soeben gekündigt. Tatsächlich wird Life die Reportage ankaufen, ohne sie allerdings zu veröffentlichen. Das alles war an
großer und kleiner Geschichte vonnöten, damit jenes erste Photo von Dreharbeiten zustande kam, ein Jahr vor Gründung der Agentur Magnum.
Entstehung einer Faszination
Der Film hat in Capas ganzem Leben die Rolle einer imaginären Alternative gespielt, einer Art phantasierter Zuflucht, jedesmal wenn er verzagt seinem Leben und dem Image als »Kriegsphotograph« entfliehen wollte, das ihm anhaftete. Die raffmierte, luxuriöse Welt des Films schien Ihm wie ein Gegengift zu der des Krieges mit seinen Greueln. Sein Biograph Richard Whelan berichtet detaiUiert darüber, wie Capa in jeder dieser existentiellen und beruflichen Krisen seine Hoffnung dem Film zuwandte'. Schon 1935 schrieb er seiner Mutter: »Schluß mit dem Photographieren. Ich habe genug davon, jetzt möchte ich um einer anderen Sache willen leiden ( ) Ich muß Zugang zum Film bekommen, im Photographieren sehe ich für mich überhaupt keine Zukunft mehr.« Zyklisch kehrt das Kino in drei Formen als Versuchung in Capas Leben immer wieder. Einmal direkt, als ergänzende Aktivität neben der Photographie, dann in Form der Lust, als Schauspieler auf die andere Seite zu wechseln, und schließlich, ein schon mondänerer Wunsch, mittels eines Netzes von Freunden und schönen Frauen zur reichen, verführerischen und strahlenden Filmwelt Zugang zu finden. Capa war ohne Zweifel einer der ersten Photographen, die in FUm und Fernsehen die künftig unvermeidliche komplementäre Konkurrenz zur Reportagephotographie erkannten und auch, daß man sich frühzeitig auf diese Veränderung einzustellen hatte. Während des spanischen Bürgerkrieges macht er sich mit einer kleinen Eyemo-Kamera ohne jede