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Lm Veisepos Der rasende Ro/aiid, dem literarischen Meisterwerk der Renaissance, erwähnt Ludovico Ariosto unter den großen schöpferischen Gestalten der bildenden Künste, neben Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarotti auch Andrea Mantegna. Ebenso zählt ihn Baldassare Castiglione in dem Traktat über das vollkommene Benehmen des humanistischen Höflings, 7/ Cortigiano, zu den „pittori eccelentissimi", den hervorragenden Malern, deren vollkommener Stil den Sinngehalt der Harmonie und Symmetrie der Welt spiegelt. Aus diesen zeitgenössischen Beurteilungen geht die Wertschätzung der schöpferischen Geister der Dichtkunst für jenen Maler hervor, dessen Kunst als ein vollendetes Zeugnis der Zeit und des Raumes, in dem er wirkte, angesehen wurde.
Der bedeutendste Maler der oberitalienischen Renaissance, Schöpfer einer neuen künstlerischen Perspektive, ist von einem klaren, unbestechlichen Blick für die Vergangenheit sowie von einer großartigen Zukunftsschau gekennzeichnet. Mit sicher-rer Hand schafft er die räumlichen Darstellungen einer gewaltigen Freske seiner Welt, die zu den großen künstlerischen Leistungen aller Zeiten zählt und von der dauernden Lebensfähigkeit seines Werks zeugt. Seine künstlerische Existenz ist von Obsessionen geprägt: seine ausgesprochene Vorliebe für kristallene Geometrie sowie seine ästhetische Besessenheit, harmonische Linien aus der harten Materie zu meißeln und in polyedrische Prismen zu verwandeln. Man könnte von einer Versteinerung der Malerei Mantegnas sprechen, über den vieltausendjährigen Vorhang der Klärung des Wassertropfens in Höhlen, von Kalkablagerungen auf den kaum angedeuteten Formen, über seine Manier, die Landschaften seiner Bilder zu mineralischen Gruppenbildungen zu gestalten, in denen die Felsen, Klippen und Höhlen das künstlerische Ergebnis von errodierenden Naturkräften sind, die quart- und granitartig aussehen. Dieses ist die ästhetische Gabe Mantegnas, dessen Thematik aber in der Geschichte wurzelt, in seiner Leidenschaft für die Antike, die sich einer kraftvollen Komposition der figuralen Gruppen zeigt, Ergebnis einer meisterhaften, durch Strenge und Kargheit kennzeichneten Maltechnik. Die ausdrucksvolle Intensität der Kunst von Andrea Mantegna ist durch ein tiefgehendes Geschichtsbewußtsein sowie durch das wichtigste Gesetz seiner Malerei, den Sinn der Perspektive, gekennzeichnet. Er lotet die Tiefen der Zeit aus, um das unschätzbare Erz der ewigen Kunst im Lichte der Wahrheit und auf der Suche nach der Schönheit der Form zu entdecken und an den Tag zu fördern. Für ihn stellt das Verständnis der menschlichen Hinfälligkeit nicht einen Grund zur Verzweiflung dar. Unter dem unerbittlichen Zeichen der Vergänglichkeit, der Zeit und der Tragödien, die das Menschenwerk untergraben können, sucht er unentwegt nach den Strukturen und dem Wesen der Form. Die Macht der Vergänglichkeit vermag nur den Schein und nie den ursprünglichen strahlenden Kern der Schöpfung zu vernichten, der die ewige Form schuf, die wie eine gewaltige, kristallene Pyramide im Gedächtnis der Menschheit bestehen bleibt. Die tellurischen und architektonischen Ruinen in den Gemälden von Mantegna deuten immer seinen unersättlichen Drang an, die Krusten der Hülle zu entfernen, um zu dem kristallenen Kern vorzustoßen. Diese Welt des Kristalls liefert den Schlüssel zur wunderbaren Klarheit Mantegnas, dessen Bilder die Dichte und Durchsichtigkeit dieses leuchtenden Minerals besitzen, das sich in den Tiefen der Felsen und im Dämmerlicht der Höhlen befindet. Die Sicherheit der Umrisse, die Tiefe der plastischen Darstellung, die strenge Linie der menschlichen Gestalt folgen dem Diktat einer vollkommenen Logik, einer vollendeten Ratio, einer Intelligenz, die lange Zeit über den historischen Zweck der Kunst nachsann. Die rationale Auffassung von der Intelligenz wurde in der Renaissance der klassischen Linie der Antike aufgepfropft und von den antropomorphen Eigentümlichkeiten dieser weit entfernten Zeit bestimmt, deren Echo in dem geistigen Leben der Halb-