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WERNER JÜTTNER Marc Chagall Es ist nicht verwunderlicb, wenn bei einem Maler, der in seinen Bildern die Begriffe von Zeit und Raum aufhebt, vielfach auch Unsicberheit über das Jabr und den Ort seiner Geburt berrscbt. War es der 7. Juli 1887 oder 1889, an dem Marc Chagall geboren wurde? Erblickte er das Licht.der Welt in Liosno oder in Witebsk? — So soll das Jabr 1887 ein nachtráglich »gefalschtes« Dátum sein, mit dem die Eltem den gefürch-teten, siebenjahrigen Militardienst von ihrem Sobn Marc abwenden wollten. Heute darf das...
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WERNER JÜTTNER Marc Chagall Es ist nicht verwunderlicb, wenn bei einem Maler, der in seinen Bildern die Begriffe von Zeit und Raum aufhebt, vielfach auch Unsicberheit über das Jabr und den Ort seiner Geburt berrscbt. War es der 7. Juli 1887 oder 1889, an dem Marc Chagall geboren wurde? Erblickte er das Licht.der Welt in Liosno oder in Witebsk? — So soll das Jabr 1887 ein nachtráglich »gefalschtes« Dátum sein, mit dem die Eltem den gefürch-teten, siebenjahrigen Militardienst von ihrem Sobn Marc abwenden wollten. Heute darf das amtlicbe Dátum des 7. Juli 1887 mit grofier Wahrscheinlichkeit als das ricbtige Geburtsjahr und Witebsk als Ge-burtsort bezeicbnet werden. Marc war der Álteste und hatte nocb acbt Geschwister, sieben Schwestern und einen Brúder, der schon in jungen Jahren starb. Die Eltem ivarén strenggláubige Juden, und, wie die meisten Witebsker Juden, Anbanger der »mystischen« Erweckungsbewegung der Chassiden, die im 18. und 19. Jabrhundert grojie Teile der jüdiscben Bevölkerung Osteuropas er-fajit hatte. — Und die jüdische Mystik sollte in der Bilderwelt Chagalls einmal eine grojie Rolle spielen! — Der Vater, ein einfacher und sanft-mütiger Mann, war Arbeiter in einem Heringslager; die Mutter, wenn aucb weiter nicht gebildet, muji einen ziemlichen Untemehmungsgeist besessen habén, denn sie arbeitete unermüdlich, baute mehrere Holz-háuschen, die sie vermietete, und betrieb aufierdem aucb nocb einen klei-nen Kramladen. Hier in Witebsk,von dem Chagall spdter einmal meinte, daji es » eine Welt für sich ist; eine einzigartige Stadt, eine unglückselige, eine lang-weilige Stadt . . . von höckrigen und heringhajlen Bürgern, grünen Juden, Tanten, Onkeln mit ihren Fragereien Gott sei Dank, wie du aber grófi geworden bist«, besuchte Marc bis zum Jahre 1906 die Grundund Elementarschule, ohne dabei ein allzu guter Schüler gewesen zu sein. Den ersten Malunterricht erhielt er vonYebuda Pen, einer Lokal-gröfie, die mit Genreszenen und Portrats in der Witebsker Gésellschafl glanzte; doch hielt er es hier nur einige Monate aus. Mit Unterstützung der Mutter erhielt Marc schlielilich die Erlaubnis des Vaters, im Winter 1906107 nach Petersburg gehen zu dürfen, um dort ernsthafl das Studium der Maierei zu betreiben. Hier muji sich Chagall in armlichen Verhaltnissen durchscblagen; in einem Zimmer, das er mit einem Arbeiter teilt, hat er nur eine Ecke jür sich. Seinen Unterhalt ver-sucht er sich als Schildermaler und Retuscheur bei einem Fotografen zu verdienen. Zunacbst Stipendiat der »Kaiserlichen Gesellschafl für die Unterstützung der Künste« in Petersburg, die eine Kunstschule unter-hielt, besuchte er dann kur'ze Zeit die Privatschule Saidenburg, um schliefilich in der gerade eröffneten Swansewa-Schule Schüler von Prof. Léon Bakst (1908 — 1910) zu werden. Hier, wo der Geist des Symbolis-mus lebendig war und die dekorativen Tendenzen des Jugendstils ge-pflegt wurden, lernte der junge Chagall mit Namen wie Cézanne, van Gogh und Gauguin aucb zum erstenmal die »moderne« Maierei kennen. Aber die »Sonne der Kunst« ging ihm erst ricbtig in Paris auf, wobin er im Herbst 1910 mit einem bescheidenen Stipendium seines Mazens Winawer reiste. Neben dem Besuch der Akademien »La Palette«, wo die Maler Le Fauconnier und Segonzac unterricbteten, und der »Grandé Cbaumiere« waren es vor allém die Museen, die privátén Galerien und Kunstsalons, die Chagall interessierten und anzogen. Von 1911 bis 1914 hatte er dann ein Atelier am Stadtrand von Paris in der berühmten Kiinstlersiedlung »La Ruche* (Bienenkorb). Hier hau-sten damals Maler, Bildhauer, Dichter, Schauspieler, Bobémiens und Sonderlinge aus der ganzen Welt, darunter aucb spdter beriihmt gewor- dene Künstler wie Légér, Laurens, Arcbipenko, Kogan, Modigliani. Chagall selbst hatte wenig Anteil am aufgeregten und lauten Gemein-schaflsleben; man sah in ihm einen »Phantasten«, einen »Mann voller eigenartiger ldeen» und einen »Dichter«. Durch die Vermittlung von Guillaume Apollinaire lernte Chagall den deutschen Kunsthandler Herwarth Walden kennen, der in seiner Berliner Galerie »Der Sturm« im Jahre 1914 mit 40 Bildern die erste Ein-zelausstellung des Künstlers veranstaltete. Chagall selbst war zur Er-öffnitng der Ausstellung anwesend, weil er mit der Berliner Reise einen Abstecher nach Rujlland in seine Heimatstadt Witebsk verbinden wollte, um dort nach vierjdbriger Trennung seine Verlobte, Bella Rosenfeld, wiederzuseben. Doch sollte es fast ein volles Jahrzehnt dauern, ehe der Maler wieder nach Paris zurückkehren konnte, denn wahrend seines Aufenthaltes in Rujlland überraschte ihn der Ausbrucb des ersten Welt-krieges. Trotz des Standesunterschiedes — die Rosenfelds besajien mehrere Ju-welier- und Uhrenladen in Witebsk — heiratete Marc am 25. Juli 1915 Bella und war anschliejlend kriegsdienstverpflichtet im Büro seines Schwagers in Petersburg tatig, wo im Jahre 1916 die Tochter Ida geboren wurde. Bis zum Ausbrucb der Oktoberrevolution (1917) blieb Chagall. mit seiner Familie in Petersburg. Lunatscbarsky, den Chagall als Exilierten 1912 in Paris kennengelernt hatte, berief ihn zum Kom-missar der bildenden Kiinste für das Gouvernement Witebsk. Hier plante der Maler eine Kunstschule und ein Museum. An der von ihm in Witebsk gegründeten Akademie, deren Direktor er war, unterricbteten neben ihm Lissitzky, Pougny und Malewitsch. Nach einer Auseinander-setzung mit Kasimir Malewitsch und der von diesem vertretenen und an der Akademie propagierten Richtung des Suprematismus legte Chagall die Leitung nieder und ging nach Moskau, wo er vor allém für das jüdische Theater Wandbilder und Dekorationen ausführte und Kostüme entwarf. Durch die leidenschaftlich geführten Auseinandersetzungen mit Malewitsch waren Chagall die Kunst und die Kunstpolitik seiner Heimat fremd geworden; sie zwangen ihn schlielilich zur Ubersiedlung in den Westen. Freunde und Sammler streckten ihm die Reisekosten vor, und den Transport seiner Bilder konnte er über Kaunas (I.itauen) durch-führen. Von Sommer 1922 bis Herbst 1923 hielt sich Chagall mit seiner Familie in Deutscbland auf. 1923 ist der Maler mit seiner Familie in Paris, wo sich vieles, aucb unter seinen ebemaligen Freunden, geandert hat. Durch Blaise Cendrars lernt. er den Kunsthandler und Verleger Ambroise Vollard kennen, der mit ihm einen Vertrag über Illustra-tionen zu Gogols »Tote Seelen«, zu La Fontaines »Fabeln« und spdter aucb für die »Bibel« abschliejlt. Mit der Rückkehr nach Paris beginnt für den Künstler eine ciujlerst intensive und arbeitsreicbe Periode, in der er sich neben den immer wie-derkehrenden Tbemen der Liebespaare, Blumen und Tiere und den Mo-tiven aus der Welt des Zirkus und der Akrobaten vor allém mit der französischen Landschafl auseinandersetzt. Er lebt meistens auf dem Lande, in der Bretagne, Aüvergne und Savoyen. 1931 reist Chagall nach Palastina, Syrien und Ágypten und 1935 nach Polen. Wahrend man unter dem nationalsozialistischen Regime in Deutscbland 59 Gemalde Chagalls beschlagnahmt und mehrere auf jener Schandausstellung »Ent-artete Kunst« 1937 in München zur Schau stellt, erhalt der Künstler im Jahre 1939 den Carnegiepreis. Tief betroffen von der politischen Entwicklung und dem Ausbrucb des zweiten Weltkrieges, zieht sich der Maler nach Gordes in Südfrankreich zurück. 1941 folgt er dann einer Einladung des Museum of Modern Art in New York nach Amerika. Wahrend des Amerikaaufenthalts, der unterbrochen wird von einer Reise nach Mexikó, stirbt seine Frau Bella (1944). Es ist dies ein harter Schlag für den Maler. Erst 1948, nach langen Überlegungen, kehrt Chagall wieder nach Frankreich zurück, wo er sich zunacbst in Orgeval bei Saint-Germain-en-Laye auf halt, um dann ab 1950 seinen endgiiltigen Wohnsitz bei Vence (Nizza) zu neh-men. Nach der Heirat mit Valentine (Vava) Brodsky (1952) unter-nimmt Chagall zwei Griechenlandreisen. Neben der Graphik inter-essieren ihn die Keramik und die Skulptur, ganz besonders aber die Technik der Glasmalerei. Zahlreiche öffentlicbe Auftrage werden an ihn berangetragen, wie z. B. die Glasfenster für die Kathedrale in Metz oder das grojie Projekt des Deckengemaldes in der Pariser Oper. Es folgen Ehrungen auf Ehrungen, die von Auszeicbnungen, wie dem Carnegiepreis (1939), dem internationalen Graphikpreis der 24. Bien-nale Venedig (1948) oder dem Erasmuspreis (1960) über Ehrenmit-gliedscbaflen bis zu zahlreichen Ehrendoktorwiirden reichen und sich am 7. Juli 1967, dem SO. Geburtstag des Künstlers, fortsetzen. Nocb ruhen nicht die H'ánde dieses Zauberers des Farbenrauscbes zwi-schen Traum und Wirklichkeit, aber Leben und Werk tragen heute schon fast legendare Ziige.

Termékadatok

Cím: Marc Chagall [antikvár]
Szerző: Werner Jüttner
Kiadó: Bechtermünz Verlag GmbH
Kötés: Ragasztott papírkötés
ISBN: 3927117110
Méret: 240 mm x 340 mm
Werner Jüttner művei
Bolti készlet  
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