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Die Brücke der Märchen
Die Märchen sind bei uns, bevor wir noch selber lesen können, viele unsrer ersten Träume gehen von hier aus: mutig zu sein wie die zwei Brüder, freundlich und schön wie Schneewittchen, fröhlich immerdar wie Hans im Glück.
Obwohl doch jeder weiß: Eine Kohle wird niemals über einen Strohhalm wandern, ein Pferd kann nicht sprechen, und Frosch bleibt Frosch, es wird kein Prinz daraus - obwohl das jeder weiß, folgen wir den Märchen bis in jedes Lebensalter.
Sie sind von Mund zu Mund gegangen durch die Zeit, an Feuern erzählt und in stillen Stuben, auf der Treppe vorm Haus, am Feldrain, wenn die Tiere schliefen. Sie waren an keine Stunde gebunden, doch sie liebten den Abend, die Spanne zwischen Arbeit und Schlaf, am besten wurden sie erzählt von alten Leuten.
Bescheidenheit, Liebe, Fleiß, das sind die Tugenden der Märchen, am Ende wird der Gute belohnt. Klugheit und Kühnheit werden belohnt, Mitleid gebührt den Armen oder Schwachen.
Die Märchen führen uns in eine andere Welt. Erzählen die Wahrheit so, wie sie zum Beispiel der Igel erlebt, wenn er den Hasen überlistet: Hochmut ist schlimmer als Dummheit, beides zusammen führt zum Untergang. Es gibt aber nichts, was traurig bliebe. Nach dem Schrecken, dem Dunkel beginnt das Licht, nach dem Sturz in den Brunnen tritt Goldmarie auf eine blühende Wiese. Es gibt auch nichts, was Unrecht bliebe. Wer sich bewährt, die Prüfungen besteht, dem ergeht es künftig gut.
Die Weisheit der Märchen ist einfach. Wünsche und Gedanken aller Völker sind in ihnen aufgehoben, so auch in diesem Buch, das Märchen aus elf sozialistischen Ländern vereint. Der Leser wird vieles finden, was allen Märchen gemeinsam ist, doch im gleichen Besonderes finden, weil jedes Volk ja seine eigene Geschichte hat, Erfahrungen, Sitten, Bräuche, dazu die eigene Phantasie, aus der die Märchen wuchsen. Die Reihe der Länder, die an diesem Buch beteiligt sind, reicht von Kuba über den Atlantik und Europa, Asien bis zum Stillen Ozean. Da ist eine Menge Verschiedenheit möglich. Unbekanntes, Fremdes wird zu lesen sein. Fremdes genug, Fremdheit indessen wird es nicht geben, denn die Brücke der Märchen schafft Vertrautheit.
Benno Pludra