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Erstes Kapitel
MARIA THERESIAS KINDHEIT UND JUGEND [1717-1740]
Am 12. Mai 1717 wartet eine dichtgedrängte Menge vor der Wiener Hofburg auf die Geburt eines Kindes; der Vater ist Karl VI., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Erzherzog von Österreich, König von Ungarn, König von Böhmen. Langsam gehen die Stunden dahin, die Nacht scheint kein Ende zu nehmen. Man flüstert, tuschelt, Klatschgeschichten, Gerüchte tauchen auf: »Erinnert ihr euch? Vor einem Jahr starb, sieben Monate alt, Leopold, das einzige Kind - ob das nicht die Strafe des Himmels war? Die Kaiserin ist zwar zum katholischen Glauben übergetreten, aber ob sie es ernst damit gemeint hat? Es heißt ja, daß sie immer noch das Glaubensbekenntnis von dem Luther spricht Ich hab's selbst gesehen, wie sie die Lippen bewegt hat, mitten in der Messe!« Die Nacht vergeht, die Sterne verschwinden, die Sonne steigt über den Horizont und wärmt die Erde. Gegen sechs Uhr trifft der Kaiser ein, den eine Stafette in seinem Jagdschloß Laxenburg von der Entbindung benachrichtigt hat. Als sich der kleine Reitertrupp naht, winken die Frauen, ziehen die Männer den Hut: Es lebe der Kaiser! Gleich danach schließen sich die Tore der Kaiserburg hinter der Gruppe. Respektvoll und vergnügt zugleich blicken die Wiener zu den noch immer erhellten Fenstern der Hofburg hinauf. Um sieben Uhr dreißig erhebt die große Glocke vom Stephansdom ihre Stimme, mit der sie die Siege, die großen Freuden und das große Leid verkündet. Ein Kind aus königlichem Geblüt ist geboren! Ein Prinz? Eine Prinzessin? Die Glocke verrät es nicht. Endlich öffnen sich die schweren Tore des Palastes, ein Herold tritt vor die Menge, die den Atem anhält. Laut ruft er: »Man höre! Eine Erz-