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ERSTES KAPITELDas ErbeIm Herbst 1740 schreckte ein Ereignis von höchster weltpolitischer Bedeutung die europäischen Fürstenhöfe und Staatskanzleien aus dem gewohnten Trott der Intrigen und kleinen Streitigkeiten: In seinem Wiener Lustschloß La Favorita war Kaiser Karl VI. plötzlich gestorben. Er war nur 55 Jahre alt geworden, und er war der letzte männliche Habsburger. Von einem Jagdausflug in Ungarn war er - an einem Tag, der so recht zu diesem kältesten und regnerischsten Oktober seit Menschengedenken paßte - völlig durchnäßt und durchfroren zurückgekommen. Der Kaiser fieberte stark, als man ihn nach Wien brachte; neun Tage später war er tot. Vielleicht war das Pilzgericht, das seine letzte Mahlzeit war, schuld daran - der Pilztopf, der den Lauf der Geschichte änderte, wie Voltaire sagte vielleicht auch nicht. Jedenfalls nahm mit Karls VI. Tod die Geschichte einen anderen Kurs: Kräfte traten auf den Plan, die in ihrem Ehrgeiz und ihrer Machtgier das Antlitz Österreichs, Europas, ja der Welt verändern sollten. Was war geschehen? Zunächst einmal war in Europas größter Dynastie die direkte Linie der männlichen Nachfolge erloschen. Eine Kette war gerissen, die fünf Jahrhunderte überdauert hatte. Damit kam auch der fast zum Gewohnheitsrecht gewordene Anspruch der Habsburger auf die Krone des Heiligen Römischen Reiches, oder was davon noch übrig war, zum Erliegen. Aber nicht genug damit, auch um die habsburgi-schen Kronlande stand es schlimm: weit verstreut, ohne inneren Zusammenhang und durch Karls VI. törichte Interventionen im Polnischen Erbfolgekrieg und im russisch-türkischen Konflikt an den Rand des Ruins gebracht, waren sie ungeschützt dem Zugriff ihrer skrupellos auf Raub bedachten Nachbarn ausgesetzt.Zeit seines Lebens hatte Karl VI. nichts unversucht gelassen, um diese15