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Martin Luther und Philipp Melanchthon — ihre ideologische Herkunft und geschichtliche Leistung
(Eine Studie der materiellen und geistigen Triebkräfte und Auswirkungen der deutschen Reformation)
Leo Stern
1. DER CHARAKTER DER DEUTSCHEN UNIVERSITÄTEN VOR DER GRÜNDUNG DER UNIVERSITÄT WITTENBERG
Wi:
ill man die am 18. Oktober 1502 gegründete Universität Wittenberg in ihrer ganzen geschichtlichen Bedeutung erfassen, so muß man sie in das Koordinatensystem jener großen Übergangsepoche hineinstellen, da im Schöße des Feudalismus bereits die Kräfte heranreiften, die die Basis und mit ihr den gesamten ideologischen Überbau des Feudalismus von Grund auf revolutionieren sollten, um an die Stelle der alten, überlebten, hierarchisch-feudalen Produktionsverhältnisse des Mittelalters die neuen, zum Durchbruch drängenden, kapitalistischen Produktionsverhältnisse der Neuzeit zu setzen.
Unter diesem Aspekt betrachtet, ist die Gründung der Universität Wittenberg nicht nur ein bedetUsamer Anfang in einer weltgeschichtlich bedeutsamen Zeit, sondern zugleich ein Endfunkt einer vorangegangenen langen Entwicklung. Die ältesten Universitäten Europas — Bologna, Padua, Salerno, Paris, Montpellier, Oxford — waren bereits im 12. und 13. Jahrhundert, ja noch früher, aufgekommen. Aller Unterricht an den Schulen und Universitäten ging im Mittelalter bekanntlich von der Kirche aus. An den von alters her bestehenden Kloster- und Domschulen wurden die sog. Septem artes liberales, die ,.sieben freien Künste", gelehrt, die in das sog. trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik) zerfielen und der Theologie, als der höchsten Wissenschaft, als Grundlage zu dienen hatten. Mit dem Wachstum der Städte und dem steigenden Unterrichtsbedürfnis der bürgerlichen Stadtbewohner wächst einerseits die Zahl der Kloster-, Stifts- und Pfarrschulen, anderseits kommt es aus dem Bedürfnis der Kirche und der weltlichen Territorialfürsten nach gelehrten Theologen und Juristen zur Gründung von Universitäten, an denen Philosophie und Theologie, Jurisprudenz und Medizin gelehrt werden'). In Paris wird vornehmlich die Philosophie und Theologie gepflegt, in Bologna die Rechtswissenschaft und in Salerno in Süditalien, wo die christliche Welt die mohammedanische berührte, die Medizin.
Die Universitäten waren vorwiegend vom Papst errichtete kirchliche Lehranstalten, für deren Dotation Kirchengüter und Pfründen in Anspruch genommen wurden. Lehrer und Schüler waren Kleriker und wohnten nach Art regulierter Kleriker in den Kollegien und Bursen beisammen. Erst mit dem Vordringen des Humanismus wurde die klerikale Ordnung allmählich durchbrochen.
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