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EINLEITUNG
Schon im 19. Jahrhundert schreibt der bekannte Germanist Franz Pfeiffer: „Das deutsche Mittelalter besitzt keine zweite Dichtung, die dieser frischen, lebensvollen und ergreifenden Schilderung aus dem Volksleben an die Seite gesetzt werden könnte."^ Der Schweizer Literarhistoriker Heinrich Kurz beurteilt den Meier Helmbrecht und sein Verhältnis zu den höfischen Dichtungen treffend, wenn er feststellt, daß dieses Literaturwerk kaum von einem anderen mittelalterlichen Gedicht erreicht werde. „Hier sind wenige Begebenheiten zu einem reichen Leben entfaltet, während es sich bei den Rittergeschichfcen meist umgekehrt verhält. Die Erzählung ist rasch und lebendig, die Schilderungen sind anschaulich und notwendig zur Charakteristik der Personen und Verhältnisse, die Charaktere sind scharf, natürlich und wahr gezeichnet, die Darstellung ist frisch, lebendig und von echt volkstümlichem Humor getragen. Hier stellt ein Dichter zum ersten Male der phantastischen Poetenwelt die lebendige Wirklichkeit entgegen."^
Um wieviel mehr hat dieses realistische Werk des Dichters Wernher der Gartenaere uns Heutigen zu sagen, die ein literarisches Werk auch nach seinem ethisch-didaktischen Wert für den einzelnen wie für die Gesellschaft beurteilen und von ihm Aufschluß über die wichtigsten sozialen, gesellschaftlichen, kultuirellen und politischen Zustände oder Erscheinungen eines bestimmten, mitunter weit zurückliegenden Zeitraumes erwarten. Nach der Blüte des mittelhochdeutschen Epos mit seinem Streben nach würdigen Leistungen entstand eine Dichtungsart, die, von einer realistischen Lebensauffassung ausgehend, vor allem die bürgerlichen und bäuerlichen Kreise in ihren Stoffbereich zog und als Erzählung oder Schwank Klein dichtung mit engem inhaltlichem und umfangmäßigem Rahmen darstellt. Die aristokratische Kunst des ritterlichen Epos tritt seit der Mitte des 13. Jahrhunderts deutlich in den Hintergrund.
' Forschung und Kritik auf dem Gebiete des Deutschen Altertums, Bd. 1, 1863, S. 5.
2 Zitiert bei J. Ninck, Meier Helmbredht . . ., RUB Nr. 1188, Reclam, Leipzig o. J., S. 66.