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Vorwort
Christoph Kardinal Schönborn, Erzbischof von Wien
Die Einheit der Christen ist ein unbedingter Auftrag Jesu an alle Gläubigen, an alle Kirchen. Die Einheit des Volkes Gottes ist kein Luxus, den wir uns auch noch leisten sollten. An der sichtbaren Einheit der Jünger Jesu macht sich die Glaubwürdigkeit des Evangeliums fest. Weil diese Einheit für die Fruchtbarkeit des Erlösungswerks essentiell ist, ist uns die Einheit in der einen Kirche bereits durch das Erlösungswerk Christi grundsätzlich und unzerstörbar geschenkt. Und dennoch bedarf es der Realisierung durch unser Miteinander in der Wahrheit und in der Liebe.
Ökumene ist ein Weg. Wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen, um im gemeinsamen Haus (griechisch: oikos) des Vaters auch anzukommen. Dieser Weg ist mühsam und steinig. Wir haben ein Übermaß an Altlasten gegenseitiger Verletzungen aufzuarbeiten und jede Menge Trennungen und deren theologische und emotionale Folgen. Was bereits mit den Streitigkeiten der Jünger schon in neutes-tamentlicher Zeit begann, fand in den Konfessionskriegen in den folgenden zwei Jahrtausenden seine traurigen Steigerungen. Neben der Mühe um eine Neusammlung der Christenheit im Hinblick auf das biblische Urzeugnis und die entsprechende theologische Konvergenz, bedarf es vor allem einer „Heilung der Erinnerung", um die Vertrauensbeziehungen wieder herzustellen.
„Ökumene der Herzen" ist ein Gebot der Stunde, neben all den anderen Aspekten ökumenischer Praxis. Nur Leidenschaft überwindet die Trennung. Eine neue Leidenschaft für Christus. Eine Leidenschaft für die Brüder und Schwestern, allen voran jenen, die um des Glaubens willen verfolgt werden. Eine Leidenschaft für das Gemeinsame vor allem Trennenden. Eine Leidenschaft, um gemeinsam für das Wohlergehen aller Menschen, für Gerechtigkeit, für das Gute, für die Schöpfung einzutreten. Ökumene wird letztlich die Frucht leidenschaftlicher Beter, kluger Brückenbauer und beharrlicher Friedensstifter sein.