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Einleitung
Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki und seine Literaturgeschichte Von Thomas Anz
Das erste größere Buch, das Marcel Reich-Ranicki veröffentHcht hat, erschien 1955 unter dem Namen Marceli Ranicki in Warschau. Es blieb außerhalb Polens unbekannt, hat einen Umfang von 370 Seiten und ist eine Geschichte der deutschen Literatur. Genauer: ihre Geschichte ab der Reichsgründung im Jahre 1871 bis zur damaligen Gegenwart. Der Titel: »Z dziejow literatury niemieckiej 1871-1954«, zu Deutsch: »Aus der Geschichte der deutschen Literatur 1871-1954«. Es beginnt mit Theodor Fontane und Gerhart Hauptmann, geht aus-führüch auf Thomas und Heinrich Mann ein, auf Lion Feuchtwan-ger, Arnold Zweig und vor allem auf Anna Seghers, über die er 1957 sein zweites Buch veröffentUchte. In der Vorbemerkung erklärt der Verfasser seinen polnischen Landsleuten: »Wenn dieses Buch neue Liebhaber der deutschen Literatur gewinnt und dazu beiträgt, unsere Verbindung zum friedhebenden und demokratischen Deutschland zu vertiefen - so werde ich meine Aufgabe erfüllt haben.«
An der Aufgabe, andere zu dem zu machen, was er selbst war: zu »Liebhabern der deutschen Literatur«, hat er bis zu seinem Lebensende festgehalten. »Meine Geschichte der deutschen Literatur«, das erste Buch Marcel Reich-Ranickis, das nach seinem Tod erscheint, ist die bisher umfangreichste Auswahl aus den wichtigsten und besten Essays dieses Kritikers. Sie ist in der Weise geordnet, dass sie ein Bild jener deutschen Literaturgeschichte vermittelt, in der er seine Heimat fand. Sie kann als Fortführung seines vor sechzigJahren begonnenen Vorhabens verstanden werden, aber auch als Gegenstück dazu. Denn sie entstand unter ganz anderen Voraussetzungen, ist geschrieben in anderer Form und richtet sich an ein anderes Publikum.