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Schon seit der Mitte des 14. Jahrhunderts galt in der Toskana die Zeichnung als Grundlage der bildenden Kunst. Cennini schrieb Ende des Jahrhunderts in seinem »Libro deH'arte«, daß die Wahrheit der Zeichnung das Wichtigste sei. Die jungen Maler ermahnte er: Fangt mit der Zeichnung an! Etwa ein halbes Jahrhundert später, um 1450, formulierte Lorenzo Ghiberti in seinen »Denkwürdigkeiten« knapp und bündig, daß jeder Bildhauer und Maler so perfekt sei, wie es sein Können als Zeichner zulasse. Diese Auffassung von der Zeichnung als Grundlage der Kunst setzte sich dann immer mehr durch und wurde im 1,')./16. Jahrhundert allgemein verbindlich. Ganz besonders in Florenz gingen künstlerische Praxis und Kunsttheorie ganz selbstverständlich von der grundlegenden Bedeutung der Zeichnung aus. Diese Entwicklung wurde im 14. Jahrhundert eingeleitet, erreichte Ende des 15. Jahrhunderts ihren ersten Höhepunkt und gewann dann im 16. Jahrhundert die Bedeutung einer allgemeingültigen Lehre. Deshalb wurde der Zeichnung ebenso viel Mühe und Zeit gewidmet wie dem malerischen und bildhauerischen Werk. Das hatte nicht nur eine umfassende Entfaltung der Zeichenkunst zur Folge, sondern wirkte sich zugleich entscheidend auf die gesamte bildende Kunst aus.
Von Leonardo da Vinci abgesehen, besitzen wir fast bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts kaum Zeugnisse großer Künstler von ihrer persönlichen Auffassung über die Zeichnung. Ihre Werke beweisen jedoch eindeutig, daß ihnen die Zeichnung nicht nur zu Studienzwecken selbstverständlich war. Leonardo, der ein vielgestaltiges zeichnerisches Werk hinterließ und über sein künstlerisches Schaffen umfassend Iheoretisierte, formulierte es stellvertretend für andere große Meister seiner Epoche: »Die Zeichnung sucht nicht nur die Werke der Natur festzuhalten, sondern will vielmehr das Wirken der Natur vermitteln.«
Für Leonardo waren die Körperkonturen von größerer Bedeutung als Verteilung und Wirkung von Licht und Schatten. So hatte die Zeichnung für ihn nicht die Bedeutung einer Studie im akademischen Sinne, diente ihm aber auch nicht nur, wie vielen anderen Florentiner Künstlern von Sandro Botti-celli bis Antonio Pollaiuolo, zur Profilierung der Konturen, sondern besaß eigenständigen expressiven Werl. Dieser Werl erhöhte sich, je mehr die Zeichnung den Charakter einer spontanen Inspiration, einer Skizze annahm und je intensiver sie die unbegrenzte Vielfalt der Natur mit graphischen Mit-