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Alexander Blok
m Pariser Salon d'Automne von 1906 waren dreizehn Säle der russischen Kunst eingeräumt, von altrussischen Ikonen bis zu Arbeiten zeitgenössischer Meister. Ein ganzer Saal stand den Werken von Michail Alexandrowitsch Wrubel zur Verfügung, einem Künstler, der damals bereits unheilbar krank war und das Augenlicht verloren hatte.
Der Wrubelsaal war die meiste Zeit leer. Aber in den Erinnerungen Sergej Sudcj-kins, eines damals in Paris lebenden russischen Mulers, findet sicli eine interessante Notiz: Vor den Bildern Wrubels »stand stundenlang«' Pablo Picasso.
Es wäre natürlich unverzeihlich naiv, wollte man greifbare Beziehungen zwischen Künstlern suchen, die so unterschiedlich im Alter, ihrem Schicksal und ihrer Weltanschauung gewesen sind. Picasso entdeckte vermutlich in Wrubels Arbeiten jene erstaunliche Kühnheit, jene ungestüme Spannung des unabhängigen grandiosen Talents, die den leidenschaftlichen Wunsch erraten ließen, das Ewige mit dem heutigen oder sogar eher mit dem morgigen Tag zu vereinen, nämlich das, was Picasso selbst und viele große Meister des 20. Jahrhunderts ständig beschäftigte.
Nur wenige Zeitgenossen Wrubels sahen in ihm einen Menschen mit einem höchst außergewöhnlichen Talent; man hatte ihn zu seinen Lebzeiten ungenügend verstanden und wenig geschätzt. Sogar zu Beginn unseres Jahrhunderts, als immer neue Vereinigungen, Gruppen und Grüppclien auftauchten, als fast jeder fCünstlcr sich für den Verfechter eines bestimmten philosophischen oder ethischen Programms hielt oder gehalten wurde, blieb er nur sich selbst treu und hing keiner abstrakten Konzeption an. Er war dauernd von fruchtbringenden Zweifeln geplagt, empfand eine ständige Unzufriedenheit mit dem Geschaffenen.
Was Wrubel schuf, trat mit der Zeit, in der er lebte, in komplizierte, mitunter paradoxe Beziehungen. Seine Kunst, die eine merkliche Verbindung mit der Stilistik der Zeit bewahrte und ihr manchmal sogar übermäßigen Tribut zollte, wurzelte in der Klassik und strebte gleichzeitig in die Zukunft. Sie vereinigte in sich so typische Eigenschaften der russischen Kultur wie philosophische Durchdringung und sittliche Stärke mit dem kühnen Suchen nach neuen künstlerischen Wegen. Wrubel hinterließ relativ wenig beendete Arbeiten, denn der Prozeß des Schaffens interessierte ihn mehr als das Ergebnis. Vieles blieb deshalb ungesagt. Das ist nur natürlich. Alles war schwierig: die Zeit, in der der Künstler lebte, sein Schicksal und selbstverständlich auch seine Kunst.
Die Kindheit und die Jugend dieses hervorragenden Menschen werden unwillkürlich durch das Prisma seines Schicksals gesehen. Wir beurteilen die unbekannten Jahre gern mit Voreingenommenheit, sehen das Kind in der Aureole des künftigen Ruhms und sind geneigt, sogar diejenige Zeit seines Jjcbens zu poetisieren, die rocht gewöhnlich war. Nur selten läßt sich auf dem Lebensweg des Künstlers jene zeitliche Grenze ziehen, die den Beginn seines Dienstes an der Kunst, die Herausbildung seiner schwierigen Auser-wähltheit, dos ständigen Verantwortungsgefühls und der nie nachlassenden Unrast markiert. In den Kinderjahren Wrubels gibt es Ereignisse, die dazu angetan waren, seine Einbildungskraft aufzuwühlen. Hierzu zählen der Tod der Mutter, als der Junge drei Jahre alt war; die ständigen Übersiedlungen der Fajnilie — nach Omsk, Astrachan, Sara-tow, St. Peter.sburg, Wilna; die rührende Freundschaft mit der älteren Schwester Alexandra — Asja—, der wir die »Erinnerungen« an den Künstler verdanken und die in treuer Anhänglichkeit dem Bruder wiederholt in schlimmen Zeiten beistand; die langen
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Wrubel. Brlelweehsel. Erinnerungen an den Künstler, Leningrad, 1976, S. 295 (russ.). Im weiteren: Wrubel