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Jn den letzten Jahren seines Lebens hat Goethe den Begriff des Dämonischen zur Bezeichnung jenes Rätselhaft-Unerklärlichen geprägt, das überall in der Natur den letzten Grund des Seins und Wirkens bildet und sich „durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen", „nur in Widersprüchen manifestiert". Mehrfach fällt das Wort in den rhapsodischen Bemerkungen der Eckermannschen Gespräche, ohne daß es zu einer eindeutigen Bestimmung des Begriffsinhaltes käme, kommen könnte. Raffael und Mozart, hören wir und wieder Shakespeare und...
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Jn den letzten Jahren seines Lebens hat Goethe den Begriff des Dämonischen zur Bezeichnung jenes Rätselhaft-Unerklärlichen geprägt, das überall in der Natur den letzten Grund des Seins und Wirkens bildet und sich „durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen", „nur in Widersprüchen manifestiert". Mehrfach fällt das Wort in den rhapsodischen Bemerkungen der Eckermannschen Gespräche, ohne daß es zu einer eindeutigen Bestimmung des Begriffsinhaltes käme, kommen könnte. Raffael und Mozart, hören wir und wieder Shakespeare und Napoleon waren dämonische Naturen. Aber auch Friedrich und Peter der Große. Und Karl August, versichert Goethe, war eine dämonische Natur von unbegrenztem Wirkensdrang, wie denn das dämonische Naturell sich ganz vorzugsweise „in einer durchaus positiven Tatkraft äußert". Doch dieses Element übermenschlicher Schöpferkraft bezeichnet nur die Sonnenseite der Erscheinung. Auch die dumpfe Stimmung ratloser Passivität, tatloser Abspannung wird als eine Äußerung des dämonischen Temperamentes empfunden, wenn von dem Dämon der Hypochondrie und von dem retardierenden Einfluß der Dämonen die Rede ist. Merkwürdig, daß sich bei der Verhandlung dieses Themas nie Michelangelos Name auf Goethes Lippen gedrängt hat! Kein Zweifel, der Goethische Begriff bezeichnet am schlagendsten das besondere Naturell des Menschen und des Künstlers, er ist die treffendste Ober-tragung des Wortes „terribile", mit dem die Zeitgenossen das Wesen Michelangelos und seiner Kunst am ehesten charakterisieren zu können glaubten. Im Goethischen Sinne des Wortes war Michelangelo eine dämonische Natur erster Ordnung, ja er erscheint uns als die vollkommenste Inkarnation des Dämonischen überhaupt, überall sich, wie das Dämonische selbst, in Widersprüchen manifestierend. In Italien ist der Mensch nach Jahrhunderten geistigen Traumlebens zuerst wieder zum vollen Bewußtsein seiner selbst erwacht. Doch wird die Bedeutung dieses Abschnittes der Geschichte Italiens für die Geistesgeschichte Europas gewiß nicht nur durch die nackte Priorität des Geschehens bestimmt, sie beruht vielmehr auf der Bewußtheit, mit der die Selbstbefreiung der geistigen Persönlichkeit sich hier vollzieht. Sicherlich hat es auch den Jahrhunderten des Mittelalters nicht an selbstherrlichen Persönlichkeiten gefehlt — aber selbst bei den Bedeutendsten überschattet das Gefühl der Abhängigkeit von tatsächlichen oder nur vorgestellten Gewalten immer wieder die helle Fläche des Bewußtseins. Es war in der Tat eine Wiedergeburt zu neuem Leben, die die Menschheit in den Jahrhunderten der Renaissance erfuhr: ein Schauspiel zugleich von wahrhaft dramatischem Verlauf. „Je höher ein Mensch, desto mehr steht er unter dem Einfluß der Dämonen, und er muß nur immer aufpassen, daß sein leitender Wille nicht auf Abwege gerate." Ooethe zu Eckermann, 24. März 1829. Mit dem Beginne des 14. Jahrhunderts hebt es an, in raschen und glänzenden, die Erwartung aufs höchste spannenden Eingangsszenen findet es seine Exposition; einen Augenblick scheint es zu stocken, aber nur, um mit dem beginnenden 15. Jahrhundert neu aufgenommen und nun in aller Breite ausgesponnen zu werden, bis es im Beginne des 16. Jahrhunderts die Höhe erreicht, um dann rasch ein beinahe katastrophales Ende zu finden. Michelangelos Leben umspannt von 1475 bis zum Jahre 1564 den letzten Abschnitt dieser großen Epoche, die gleichzeitig allen künstlerischen und religiösen, allen wissenschaftlichen und politischen Lebenskräften den weitesten Spielraum zur Entfaltung gegeben hat. Dem tiefsten Wollen der Zeit verwandt, steht Michelangelo doch von Anfang an ihrer freien Lebensäußerung beinahe fremd gegenüber. Was bei anderer Anlage in Taten umgesetzt nach außen hätte schlagen können, drängt sich bei ihm quälend im Innern zusammen. Den Kräften und Empfindungen seiner Leidenschaft bleibt die unmittelbare Äußerung versagt: umgestaltet gewinnen sie die einzige ihm mögliche Form in Werken der Kunst, die, jedes im Goethischen Sinne des Wortes eine Schöpfung der Gelegenheit, der Gelegenheit abgerungen, mit der Macht ewiger Aktualität wirken. Ein Lebenslauf vollzieht sich, dessen wie von einer höheren Vorsicht in groß aufsteigender Kurve gezogene Richtlinie das dämonische Temperament des Mannes im Verein mit unerbittlich eingreifenden Weltereignissen tragisch verwirrt. Ein Leben wie eine Probe auf das Wort, daß des Menschen Verdüsterungen und Erleuchtungen sein Schicksal machen. Noch heute ist Florenz die Stadt des Quattrocento. Man muß es sich ausmalen, wie sich der von Grund aus anders Geartete, von dem Vorgefühl zukünftiger Taten beschwert, mit dieser Welt zierlicher Formen, in die das Schicksal ihn hineingeworfen hatte, in Widerspruch gefühlt haben muß. Dem kritischen Betrachter dieses vielgeschäftigen Treibens mochte wohl der Gedanke kommen, daß Kunst und Künstler eben daran seien, sich in ein blühendes Tal zu verirren, aus dem der Ausgang versperrt war. Man hat es wahrscheinlich machen wollen, daß die Bußpredigt Savonarolas, Michelangelos religiöse Überzeugung und den Charakter seiner Kunst entscheidend beeinflußt habe. Die Wahrheit ist, daß die Tatsachen nicht eben für die Annahme sprechen. Daß Michelangelo als Florentiner, als Hausgenosse der Medici, als gut katholischer Christ das aufregende Geschick des merkwürdigen Mannes, „der ganz Rom von sich reden machte", mit lebhaftem V

Termékadatok

Cím: Michelangelo [antikvár]
Szerző: Max Sauerlandt
Kiadó: Karl Robert Langewiesche Verlag
Kötés: Varrott papírkötés
Méret: 190 mm x 260 mm
Max Sauerlandt művei
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