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Das Anliegen dieses Buches
An unser Ohr dringt der Schrei eines der unzähligen um ihres Glaubens und der Sehnsucht nach Freiheit willen Eingesperrten und Gefolterten: „Ich habe schreckliche Angst vor den Folterungen, besonders vor einer, die schlimmer ist als alles, und sie erwartet mich: es ist das Einspritzen chemischer Substanzen in mein Gehirn. Die Soziologen, Kannibalen und Vivisektionsexperten des 20. Jahrhunderts zögern nicht, sich meiner Seele zu bemächtigen. Ich werde vielleicht am Leben bleiben, aber ich werde nie mehr fähig sein, einen einzigen Vers zu schreiben oder einfache Überlegungen anzustellen. Kann man sich etwas Schrecklicheres vorstellen? Unsere ,strahlende und humane Sowjetgesellschaft' hat sich das Recht angemaßt, die Seele der selbständig Denkenden mit Hilfe chemischer Substanzen zu vernichten. Ob ich schweige oder nicht, mein Schicksal ist besiegelt !"^
Mit diesen erschütternden Worten des Mathematikprofessors am Technischen Institut in Moskau Wassili Tschernikow aus seinem „Aufruf an die Sowjetgesellschaft", den er hinter den Gittern eines Irrenhaus-Gefängnisses verfaßte, möchte ich das eigentliche Anliegen dieses Buches herausstellen: die Hinlenkung aller Leser auf die wahre, erhebende, aber auch ungeschminkte und oft grauenhafte Wirklichkeit, in der Millionen von Gläubigen drüben in Kußland jetzt leben müssen.
Wer es heute in der Sowjetunion wagt, seinen Glauben offen zu bekennen und nach ihm zu leben, ist ein ständig gefährdeter Mensch, dessen Seele von Folter, Wahnsinn, Tod und den entsetzlichen Folgen der berüchtigten Gehirnwäsche bedroht ist. "Wer sich nicht in diesem Riesengefängnis nach den vom Staat vorgeschriebenen Normen bewegt, den Befehlen der Partei nicht nachkommt und ihren Schergen nicht schöntut, statt dessen von Freiheit, Menschenwürde und Demokratie redet, muß täglich mit dem Letzten rechnen, w^as der Sowjetstaat zu bieten hat: mit Verhaftung, Gericht, Straflager, Sibirien oder Inhaftierung in eine psychiatrische Klinik, ein Irrenhaus-Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen ohne das eingebrannte Kainsmal mehr gibt.
Vier lange in Rußland verbrachte Jahre während des letzten Weltkrieges, mehrere Reisen in die Sowjetunion in jüngster Zeit und ein vieljähriges Studium der verfügbaren neuesten Literatur und unzähliger in den Westen gelangter Nachrichten aus dem Untergrund boten mir nicht nur die notwendigen Unterlagen, vielmehr zwingen mich die himmelschreienden Grausamkeiten, das unvorstellbare seelische Elend und die oft große materielle Not der Gläubigen in Rußland, dem nichtsahnenden, für Freiheit und Menschenwürde kämpfenden Westen in Wort und Bild mitzuteilen, was ich während meiner jahrelangen Nachforschungen an Material unter langwierigen und nicht geringen Schwierigkeiten sammeln und im vorliegenden Band zusammenstellen konnte.