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ZUR EINFÜHRUNG.
Die mit den musikgeschichtlichen Weihen dreier Jahrhunderte ausgestattete „Missa Papae Marcelli" ist das berühmteste Werk des großen Palestrina. Nicht als ob neben ihr alle übrigen Werke des Meisters verblaßten und keine seiner andern Messen sich neben ihr halten könnte. Ihren Ruhm verdankt sie im wesentlichen jener Legende, nach welcher Palestrina mit ihr zum „Retter der Kirchenmusik" geworden in den Jahren, da das Tridentiner Konzil sich angeblich mit der Ausstoßung der Fi-guralmusik aus der Kirche beschäftigte. Ein Werk, das der Meinung der Nachwelt zufolge diese Katastrophe abgewendet, mußte und durfte vor allen andern hochgehalten werden. Die neuere Forschung, an der hauptsächlich Fr. X. Haberl, K. Weinmann und A.Einstein beteiligt sind, hat schrittweis diese alte Überlieferung Lügen gestraft und nachgewiesen, daß die Marcellus-Messe zwar einem kirchenmusikalischen Reformgedanken entsprungen, jedoch mit dem vielbesprochenen Konzilsbeschluß nicht in Verbindung zu bringen ist.
Völlige Klarheit über die Zeit und die Ursache ihrer Entstehung ist bis heute nicht zu erbringen gewesen. Handschriftlich findet sie sich zuerst in einem Chor-buche vom Jahre 1563, doch legt ihr Titel nahe, sie wenigstens dem Keime nach bereits in das Pontifikatsjahr des No. 963 E. E.
Papstes Marcellus II. 1555 zu verlegen. Dies um so mehr, als nach einein neuerdings veröffentlichten Dokument Marcellus in der Tat (am 12. April 1555) Mängel der Kirchenmusik gerügt und sich für bessere Innehaltung des der Würde des betreffenden Feiertags entsprechenden Charakters der Musik und größere Verständlichkeit der Worte ausgesprochen hatte. Palestrina, damals erst seit kurzem Mitglied des päpstlichen Sängerkollegiums, mag die Worte des Kirchenfürsten im Herzen bewegt und durch sie den Antrieb zur Komposition eines vorbildlichen Werkes empfangen haben. Da Marcellus bereits nach 22-tägigem Pontifikat starb, konnte Palestrina die vollendete Schöpfung dankbar nur dessen Andenken weihen. Der erste Druck erfolgte im zweiten Buche seiner Messen, Rom 1567, das dem Könige Philipp II. von Spanien gewidmet ist. Ais die zwehe Ausgabe erschien (1598), weilte der Komponist schon nicht mehr unter den Lebenden. Dagegen mag er noch zwei Bearbeitungen seines Meisterwerks durch Zeitgenossen gekannt haben: die eine zu vier Stimmen von Giov. Francesco Anerio, die andere in einer Erweiterung auf zwölf Stimmen von Francesco Suriano.
Daß die Missa Papae Marcelli mit gewissen Reformbestrebungen der Zeit zusammenhängt, ist an der ganzen
4376. Ernst Euleiiburg, Leipzig—Wien