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Vom Schloß her blies der Frühlingswind, ungleichmäßig und launisch, und es hörte sich lustig an, wie der Klang des Glockengeläuts einmal gleich einer Wellenlinie abebbte, dann wieder auf den Schwingen des Windes anschwoll, so daß man glauben konnte, die Kapelle, von der das Geläute herkam, stünde nicht an einem Fleck, sondern rücke bald in die Nähe, bald in die Ferne. Die Glocke gab Maria Pele, der alten Bettlerin, die gestern früh verschieden war, das letzte Geleit: in ihrer Strohmatte hatte man reichlich erspartes Geld gefunden und dazu einen mit zittrigen Buchstaben bekritzelten Brief, man möge dreimal für sie läuten. An den Abschiedsklängen für die alte Betderin zerrte der Wind so ungestüm hin und her, als wenn er sie in übermütig tobender Laune in Stücke zerreißen wollte, wie ein junger Hund den ihm zugeworfenen Flederwisch.
Mitten im Dickicht des blühenden Flieders hockte Magdalena. Hier war ihr geheimes Versteck. Aus der Rumpelkammer des Dachbodens hatte sie eine Decke geholt und heimlich hierhergebracht, wo zwischen den Sträuchern ein kleiner freier Platz war. Wenn es ihr gelang, aus der Bibliothek des Vaters ein ihr verbotenes Buch zu stibitzen, so trug sie es hierher, um die Seiten mit vor Gewissensbissen und Neugierde stürmisch pochendem Herzen zu verschlingen, den Sinn des Gelesenen meistens kaum erfassend, die glutvollen Geheimnisse des Erwachsenen-Lebens aber mit wirrer Ahnung suchend. Manchmal scheute sie selbst vor dem Pfad zurück, auf den ihre naive Vorstellung sie führte, und in der geheimen Einsiedelei der Fliederbüsche errötete sie manchmal vor sich selbst, wie sündhaft und genäschig sie doch mit ihrer unverdorbenen Verderbtheit spielte. Aber auch wenn sie nichts zu verbergen hatte und nur träumen wollte, flüchtete sie hierher. Der Geschmack der Sünde lag darin, wenn sie in diesem von Blumenduft durchtränkten Versteck ihren von niemand gekannten Schwärmereien ein Stelldichein gab.
Auch jetzt war sie in diesen ,lauschigen Hag', wie sie selbst nach langem Überlegen das Plätzchen getauft hatte, gekommen — ohne ein