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EINE TIGRISFAHRT IM KORB"Im Mai 1962 mühte sich ein halbes Dutzend Transportarbeiter damit ab, eine Holzkiste in den Hof unseres Museums zu tragen. Als der Deckel gelöst wurde, kam ein riesengroßer runder Korb zum Vorschein, der von einer Teerschicht überzogen war. Ein Vorratsbehälter? Ein Planschbecken? Nein - ein Boot! Eine Quffa, wie die Iraker dieses Flußfahrzeug nennen, das seit ältesten Zeiten auf Euphrat und Tigris in Gebrauch ist.Runde Boot sind aus verschiedenen Erdgegenden bekannt, denken wir nur an die lederbespannten Bullboote" der nordamerikanischen Prärie-Indianer, an die Coracles" der Schotten, auch in Indien werden kreisförmige Boote verwendet; die Quffa jedoch ist eine spezifische Erfindung der Bewohner des alten Mesopotamiens und in ihrer Art einmalig auf der Welt. Schon in Reliefdarstellungen der Assyrer (2. Jährt, v. d. Zw.) finden wir die Quffa abgebildet. Der griechische Geograph und Historiker Herodotos (5. Jh. v. d. Zw.) sah auf seiner Reise nach Babylonien assyrische Schiffe, die auf dem Flusse nach Babylon gehen, welche zirkelrund und ganz von Leder sind". Bis in die jüngste Vergangenheit hinein war die Quffa ein wichtiges Verkehrsmittel auf den irakischen Zwillingsströmen. Heute jedoch sind diese Boote nur noch selten anzutreffen, deshalb setzte ich während meines Aufenthalts in der Republik Irak alle Hebel in Bewegung, um ein Exemplar dieser eigentümlichen Fahrzeuge für unser Museum zu erwerben.Wie das im einzelnen vor sich ging, soll im folgenden berichtet werden. Ich beschreibe also nicht die Geschichte der Quffa an sich, sondern die Geschichte einer ganz bestimmten, nämlich unserer Quffa im Leipziger Museum für Völkerkunde.Wer sie hergestellt hat, konnte ich nicht mehr ermitteln, denn sie war schon einige Jahre bei dem Flußfischer Abd el-Djabbar Sa'dun in Gebrauch, bevor ich mit ihm handelseinig wurde und die Quffa kaufte. Ihre Konstruktion ist aber deutlich zu erkennen: sie besteht aus einem regelmäßigen Geflecht, das aus Zweigen des Granatapfelbaumes (Punica granatum) angefertigt wird, darüber kommt eine Schicht Bitumen, das ist Asphalt, der am mittleren Euphrat in natürlichen Quellen zutage tritt. Dieser Teerüberzug macht das Fahrzeug wasserdicht; der obere Rand steht ziemlich weit nach innen über, so daß das Boot - wenn es nicht überlastet wird - praktisch unsinkbar ist. Die gefährlichsten Drehlöcher und Strömungen während des Hochwassers im zeitigen Frühjahr können diesem Gefährt nichts anhaben, es dreht sich höchstens wie ein Kreisel. Man kann es sicher - falls man die nötige Übung besitzt -mit einem langen Paddel ans andere Ufer lenken.Quffas werden in erster Linie zum Lasten- und Personentransport verwendet. Aber auch Fischer benutzen das Boot, um ihre Netze aufzustellen und zu2